Sonntag, 20. Oktober 2019

[Werbung/kostenloses Rezensionsexemplar] Miroloi - Karen Köhler



Zusammenfassung: Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Voller Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit. Eine Geschichte, die an jedem Ort und zu jeder Zeit spielen könnte; ein Roman, in dem jedes Detail leuchtet und brennt.

Meine Meinung: Ganz ehrlich? Hier kam in mir mal ein kleiner Snob hoch und ich habe mich bei Lovelybooks auf das Buch beworben, weil ich gehört habe, dass es auf der Liste für den Deutschen Buchpreis steht. Eigentlich gebe ich auf sowas nicht viel und bin auch schon oft genug damit auf die Nase gefallen, weil ich Bücher gelesen habe, die die Kritiker loben, die mir persönlich dann aber gar nicht zugesagt haben. Aber ich dachte, für lau könnte es dann ja nicht schaden ;)

Ich bin gut reingekommen in die Geschichte und man bekommt schon zu Beginn einen ziemlich guten Überblick über die Welt, in der die Protagonistin lebt. Sie wächst auf in einem kleinen Dorf, dass alle klassischen Eigenschaften hat, die man damit verbindet. Und es ist noch etwas extremer, es geht schon sehr in Richtung Sekte. Die Einwohner sind abergläubisch, misstrauisch gegenüber allem Fremden, haben immer alles im Blick. Zudem ist die Gemeinschaft streng gläubig und patriarchisch aufgebaut. Die Männer haben das Sagen, machen die Gesetze, treffen die Entscheidungen. Die Frauen und Kinder müssen gehorchen. Frauen dürfen außerdem nicht Lesen und Schreiben lernen. Das Leben dort ist sehr einfach, es gibt keinen Strom, und der Alltag ist von viel harter Arbeit auf den Feldern geprägt. Und wie alle streng gläubigen Gemeinschaften suchen sie für alles, was sie ratlos zurücklässt, einen Sündenbock. Da unsere Protagonistin als Findelkind auf die Insel und ins Dorf gekommen ist, gehört sie nirgendwo richtig dazu, darf sie keinen Namen haben und auch nichts besitzen. Da ist es ja klar, dass sie auch als Sündenbock herhalten muss. Von den Kindern des Dorfes wird sie tagtäglich beschimpft und auch manche Erwachsene werden ihr gegenüber ausfallend oder sogar gewalttätig. Andere Dorfbewohner wiederum behandelt sie zumindest mit Respekt, auch weil sie fleißig ist, beim Betvater aufwächst und man sie für Arbeiten ausleihen kann.

Anhand der Beschreibungen der Protagonistin merkt man unterschwellig immer die Wut auf all diese Ungerechtigkeit. Wie soll sie irgendetwas beurteilen von den Vergleichen, die die Älteren immer anstellen? Sie kennt ja nichts außer die Insel und es ist ihr verboten, diese zu verlassen. Und wieso behandeln sie alle so schlecht, obwohl sie sich doch solche Mühe gibt?

Gleichzeitig zu dieser Wut und diesem Sich-Fremdfühlen kommen aber auch immer wieder kleine Momente der Freude und der Vertrautheit auf. Besonders die jährlichen Rituale im Einklang mit den Jahreszeiten lösen bei ihr größtenteils ein heimeliges Gefühl aus. Und sie kocht sehr gerne und kann bei dieser und auch bei anderen nützlichen Tätigkeiten abschalten. Auch für ihre Zieheltern, den Betvater und Mariah, hegt sie liebevolle Gefühle. Ich kann ihre Freude über das Geschenk, das Mariah ihr macht, daher wirklich gut nachvollziehen. Sie hat noch nie etwas besessen und nun bekommt sie direkt mehrere Dinge, die ihr viel Bedeuten. Ich fand den Moment so schön, als sie mit den Buchstaben auf dem Bett saß und sich auf die neue Welt gefreut hat, die sich ihr nun bald eröffnen wird. Das können wir Leseratten ja nur bestätigen, ne? ;)

Alles in allem hat mir das Buch wunderbar gefallen. Es ist kein schönes Buch, es macht nicht glücklich, aber es ist ein Buch, was man Lesen sollte. Weil es aktuell ist. Nicht unbedingt hier in Deutschland, wo wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben, aber in ganz vielen Regionen dieser Welt ist es brandaktuell. Ich würde mich nicht als radikale Feministin bezeichnen, aber die Aussagen dieses Buches sind treffend und die enthaltene Gesellschaftskritik durchaus nötig, daher kann ich die Kritik, die das Buch in dieser Richtung schon oft bekommen hat, nicht nachvollziehen. Mal abgesehen davon, dass es hier in meinen Augen generell um Unterdrückung geht, denn auch die Bethaus-Schüler zum Beispiel werden unter der Fittiche gehalten. Die Autorin schafft es außerdem, ohne Effekthascherei und ganz subtil nach und nach eine ungeheure Spannung aufzubauen. Mit jeder Seite wird klarer, dass bald irgendetwas Schlimmes passieren wird. Ich hab mich mit jedem neuen Schritt für die Protagonistin gefreut, war aber auch gleichzeitig jeder Person gegenüber misstrauisch und hatte Angst, dass ihr irgendwer in den Rücken fällt. Auch die Leute, denen sie vertraut. Zumal sie auch immer unvorsichtiger und auch aufmüpfiger geworden ist. Am Ende des Buches haben mich fast alle Charaktere einfach nur angewidert. Ich war unheimlich aufgewühlt. Mit einigem hatte ich so nicht gerechnet, aber das kann ich jetzt schlecht schreiben, ohne zu spoilern. Ich glaube jedenfalls, dass ich vor allem deshalb so angewidert war, weil ich sicher war, dass es sich auch in der Realität genau so abspielen würde.

Sprachlich wird hier auch richtig gezaubert wie ich finde. Beispielsweise hält der Ältestenrat die meisten Neuerungen von den Dorfbewohnern fern, damit sie nicht "drübensüchtig" werden und abhauen. Oder es fallen Sätze wie "Ein kurzer Abschied, dann husche ich aus der Tür und zickzacke durch die Gassen.". Mag ich! Genau so wie es gelingt, dass man zwar merkt, dass hier ein Kind im Übergang zur Frau schreibt, aber dennoch steckt so viel Weisheit in dem Geschriebenen. Beispielsweise wird immer gesagt "Sie kocht beim kochen und putzt beim Putzen." um auszudrücken, dass sie grade mit den Gedanken bei der Tätigkeit ist. Andersherum ist sie unkonzentriert, wenn sie "nicht beim Kochen kocht". Das liest sich jetzt vielleicht seltsam, im Buch wird es klarer und ich finde diese Art der Beschreibung großartig. Sprachlich gibt es hier also auch beide Daumen hoch.
(Kleine Frage, soll die Khorabel eine Wortmischung aus dem Koran und der Bibel sein?).

Zeitlich ist die Geschichte durch den Hinweis, dass die Protagonistin in einer Bananenkiste mit einer Zeitung abgelegt wurde, in der über die erste Mondlandung berichtet wird, ja recht gut einzuordnen. Die beschriebene Umgebung lässt auf Griechenland oder Ähnliches tippen. Letztendlich hatte ich den Eindruck, dass sich die Autorin aber sowohl bei dem Ort als auch bei den Speisen und den Ritualen in ganz verschiedenen Regionen und Religionen der Erde bedient hat. Hier wurde bewusst eine Mischung aus vielem geschaffen um zu verdeutlichen, dass Unterdrückung der Frau, Aberglaube und Missbrauch von Religion ein universelles Problem sind. Super!

Cover und Titel: Die Haptik des Buches ist wunderbar, da der Einband sich anfühlt wie in Stoff eingeschlagen und die Gestaltung ist schlicht und passend. Das Wasser spielt eine große Rolle im Buch und hat daher wohl auch seinen Weg aufs Cover gefunden. Schön war außerdem, dass bereits auf Seite 10 ein Hinweis auf den Titel zu finden ist. Miroloi ist der griechische Begriff für ein von Frauen gesungenes Klagelied. Treffender geht es nicht, oder?

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Oh ja! 

Sonntag, 6. Oktober 2019

[Werbung / kostenloses Rezensionsexemplar] Auf der Suche nach Erleuchtung fand ich das Licht - Tenzin Lahkpa



Zusammenfassung:
Die faszinierende Lebensgeschichte eines tibetischen Mönchs, der zu den Füßen des Dalai Lamas saß. Doch die gesuchte Erleuchtung fand er erst im Licht Jesu. Mit einzigartigen, bisher noch nie dokumentierten Einblicken in die Welt des tibetischen Buddhismus.
Als ihn seine Eltern mit fünfzehn Jahren in einen Tempel in Tibet bringen, akzeptiert Tenzin Lahkpa sein Schicksal und folgt von nun ab voller Leidenschaft den Wegen Buddhas. Seine Suche nach Erleuchtung führt ihn schließlich in den berühmten Potala Palast in Lhasa, Tibet. Doch er hat noch einen größeren Lebenstraum: Zu den Füßen des Dalai Lamas zu lernen. Barfuß und ohne Geld begibt sich Tenzin auf eine anstrengende, über 3000 km lange Reise. Doch als er sein Ziel erreicht und den Dalai Lama kennenlernt, ist seine Sehnsucht nach Wahrheit noch immer nicht gestillt. Dann begegnet ihm eines Nachts Jesus im Traum. Tenzin ist fasziniert, doch er weiß: Wer einmal Mönch geworden ist, hat eigentlich einen lebenslangen Vertrag mit dem Buddhismus ...

Meine Meinung: 
Ich muss eines vorweg sagen: Ich habe mich sehr über das Buchpaket gefreut und fand auch die ganzen Beigaben sehr interessant, allerdings konnte ich nicht anders, als leicht enttäuscht zu sein, als ich gemerkt habe, dass das Buch von einem christlichen Verlag kommt. Versteht mich nicht falsch, an sich ist das ja gar nichts Schlimmes, aber irgendwie ist der Verlag dann ja nicht ganz so unabhängig in der Auswahl der Texte und es ist ja beispielsweise logisch, dass da jetzt kein Buch veröffentlicht wird, das den Buddhismus in den Himmel lobt. Versteht ihr, was ich meine?

Die ersten 50 Seiten haben mir aber dennoch schnellen Einstieg in das Buch gewährt, da es verständlich geschrieben ist und man viel über das Leben in Tibet erfährt. Auch über den Buddhismus an sich habe ich viel gelernt, bislang habe ich mich nämlich nie intensiv befasst. Ich kannte nur die Tatsache, dass man Karma sammelt und wiedergeboren wird. Nicht aber, dass es Höllen gibt oder dass Liebe zur Familie als keine besonders erstrebenswerte Eigenschaft ist (was ich schockierend fand!).

Dennoch konnte ich das leicht ungute Gefühl, das ich immer habe, wenn ich Bücher für oder gegen eine bestimmte Religion lese, nicht ganz ablegen. Ich selbst bin nicht sonderlich gläubig im herkömmlichen Sinne, ich glaube eher an die Macht der eigenen Gedanken und an die Tatsache, dass alles im Leben einen Sinn hat, auch wenn man ihn nicht immer gleich erkennen kann. Meiner Meinung nach kann Religion unglaublich viel Gutes bewirken, wenn sie richtig eingesetzt wird. Sie kann Leute motivieren, kann ihnen wieder Hoffnung geben oder sie schwere Zeiten durchstehen lassen. Genau so gut kann sie aber zu Hass, Gewalt und unglaublichem Leid führen. Das ist dann nämlich leider immer Sache der Auslegung. Und so wie der Buddhismus dem kleinen Tenzin keine Erfüllung sondern nur Angst und Druck brachte, wird er anderen Menschen helfen.
Da ich viele seiner Erzählungen unter diesem Aspekt sehe, kann ich zwar sein Leid durchaus nachvollziehen, aber kann bei weitem nicht alles auf den Buddhismus zurückführen.

Nachdem Tenzin den ersten Schock überwunden hat, dass seine Eltern ihn ins Kloster geben ( das ist auch so eine kulturelle Geschichte. In Deutschland wäre das für fast alle Eltern sicherlich undenkbar, während es für Tenzins Eltern eine Ehre ist), lebt er sich gut ein. In dem Abschnitt gab es für mich ein paar Mal Momente, in denen ich nicht genau wusste, ob er sich nun wohlfühlt oder nicht. Einerseits sagt er ja ganz klar, dass er nie so glücklich war wie im Kloster, weil er in seiner Arbeit aufgeht und sich keine Gedanken mehr um sein Aussehen oder um andere weltliche Dinge machen muss. Sein Alltag ist klar strukturiert und seinem Geist scheint das gut zu tun. Andererseits leidet er sichtlich darunter, dass andere Schüler missbraucht und viele (auch er) geschlagen werden. Er entdeckt, dass scheinbar viele der Lehrer zwar die buddhistischen Lehren weitergeben, sich aber selbst am wenigsten daran halten. Das ist sicherlich auch der Grundstein für seine Zweifel an der Religion, die immer stärker werden.

Auch hier hatte ich aber permanent den Gedanken, dass es das leider in allen Religionen dieser Welt gibt. Es wird immer Leute geben, die mit dem Finger auf andere zeigen und streng auf die Einhaltung der religiösen Regeln pochen, nur um sie selbst ständig zu missachten. Das ist ein menschliches Problem, kein religiöses.

Der für mich spannendste und interessanteste Abschnitt des Buches ist Tenzins Zeit in Lhasa. Bis jetzt wusste ich nahezu nichts über die tibetanische Geschichte und hier erfährt der Leser so einiges. Zunächst reist Tenzin in ein Kloster in Gansu. Dort lebt er mehrere Jahre lang und erweitert zwar sein Wissen, irgendwann überkommt ihn aber dennoch der Drang, endlich nach Lhasa weiter zu reisen und dort seinen Onkel zu finden. Zum einen erhofft er sich mehr Weisheit von ihm und zum anderen geht es im in Gansu viel zu sehr um den Hass auf die dort lebenden Muslime.

Während seiner Zeit in Lhasa übernimmt die kommunistische chinesische Regierung immer mehr Macht, ermordet die Oberhäupter der tibetanischen Glaubensgemeinschaft und lässt es wie Unfälle aussehen. Die Tibeter fühlen sich immer machtloser, haben das Gefühl, dass sie ihrer Kultur beraubt werden (denn für Kommunisten ist Religion absolut unwichtig) und müssen ihre Kinder auf chinesische Schulen schicken, damit sie einigermaßen in Ruhe leben können. Doch die Kinder bekommen dort natürlich viel Gehirnwäsche mit auf den Weg. In diesem Zusammenhang wird auch erklärt, weshalb die Tibeter auf die Idee den Selbstentzündungen gekommen sind, die ja immer wieder durch die Medien gehen. Das hatte ich früher nie in Zusammenhang setzen können.
Und schließlich flüchtet Tenzin über das Gebirge zu Fuß nach Indien. Allein diese Willenskraft aufzubringen, diese gefährliche, zermürbende Reise auf sich zu nehmen. Wir Wohlstandsdeutschen würden nach einem Tag vermutlich zusammenklappen.
Doch er kommt in Indien an und lebt dort 7 Jahre lang in einem Kloster. Dort trifft er zu Beginn einen entfernten Verwandten, der in Amerika lebt und der ihm erzählt, dass er und seine Familie sich Jesus zugewandt haben und dass es ihnen seitdem so gut wie noch nie ginge. Damals ist Tenzin zwar schockiert über diese Offenbarung und schickt den Verwandten weg, dennoch bleibt der Gedanke an Jesus in ihm. Er wundert sich vor allem, warum er noch nie von ihm gehört hat und er fährt nach und nach, dass Jesus für die Buddhisten eine gefährliche Figur ist, sodass niemand seinen Namen auch nur erwähnen möchte. Hier fand ich die Ablehnung der Buddhisten auch wieder sehr erschreckend und dachte mir gleichzeitig, dass auch sie scheinbar ein grundlegendes Prinzip noch nicht verstanden haben: Sag jemandem, er solle sich auf gar keinen Fall mit diesem und jenem Thema beschäftigen und es wird ihm unter Garantie erst recht nicht mehr aus dem Kopf gehen ;)

Dann trifft Tenzin mehrfach auf den Dalai Lama und in diesem Textabschnitt habe ich für mich die Begründung gefunden, weshalb der Buddhismus für die ganze Welt (bzw. für diejenigen, die weniger tiefe Einblicke haben, also mich zum Beispiel) so verlockend ist. Der Dalai Lama ist das Aushängeschild dieser Glaubensrichtung und seine Reden werden in der ganzen Welt weitergegeben. Und das, was er sagt, klingt nun mal wirklich völlig anders als das, was Tenzin oft beigebracht wird. Offener ggü. anderer Weltanschauungen. Nur Jesus wird auch vom Dalai Lama mit keinem Wort erwähnt...

Die endgültige Zuwendung zum Christentum erfolgt dann durch eine Krankheit Tenzins. Das Buch macht sehr schön deutlich, wie lange der Prozess ist und wie schwer es ist, aus alten Denkmustern auszubrechen. Man merkt, wie zerissen er innerlich ist. 

Seitdem lebt er in China und hat eine Organisation gegründet, die Tibetern medizinische Hilfe und einen Ort zum Schlafen während der Behandlungen zukommen lässt. Außerdem hat er seine Frau während dieser Arbeit kennen gelernt, was ihm als Mönch niemals möglich gewesen wäre.

Für Tenzin habe ich mich unglaublich gefreut. Insgesamt fand ich das Ende aber etwas zu verklärt. Für Tenzin scheint die Bibel nur Schönes zu verkünden, tatsächlich gibt es aber auch dort unglaublich brutale Geschichten (die Kreuzigung selbst ist das beste Beispiel oder die von Abraham, der seinen Sohn opfern soll).

In den Bemerkungen am Ende hat mich schockiert, dass die Verfolgung der Christen in China auch heute wirklich noch so extrem ist, ja sogar wieder schlimmer geworden ist. Es ist toll, dass dieses Buch darauf aufmerksam macht! Schade fand ich wiederum, dass der Geschichte einige Orte und Begebenheiten hinzugefügt wurden. Ich verstehe, dass dies teilweise vielleicht nötig war, um Identitäten zu verschleiern oder zum Verständnis beizutragen, dennoch frage ich mich im Nachhinein, was Tenzin nun wirklich erlebt hat und was nicht.

Alles in allem war ich aber sehr dankbar für diese Lektüre, denn ich habe einiges dazu gelernt und werde zu dem Thema sicherlich noch weitere Lektüre lesen :) Denn wie ihr seht, hat sie mich sehr beschäftigt und zum Nachdenken angeregt, vor allem da ich mir Buddhisten bis jetzt immer als ausgeglichene, friedliche Zeitgenossen vorgestellt habe. Aber es ist eben doch wie in jeder anderen Religion auch...

Titel und Cover: Das Cover und auch die Bilder im Buch fand ich sehr passend. Natürlich hätte ich gerne ein paar persönliche Bilder von Tenzin gesehen, aber wenn solche Bilder überhaupt existieren, dann kann man die natürlich nicht veröffentlichen, weil er mit Konsequenzen rechnen müsste. Den Titel finde ich super, denn ein Buddhist verbring sein ganzes Leben mit der Suche nach Erleuchtung und Jesus wird ja auch "Lichtbringer" genannt. Daher sehr gut ausgesucht!

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Hmm...das kann ich noch nicht sagen. Das Buch muss erst eine Zeit lang sacken.

Sonntag, 22. September 2019

[Werbung/kostenloses Rezensionsexemplar] Die geilste Lücke im Lebenslauf - Nick Martin

Zusammenfassung: 
In seinem kaufmännischen Bürojob läuft Nick sein Leben davon. Nach einem Winterurlaub in Neuseeland beschließt er einen Cut: Er lässt Job und Sicherheiten, Freunde und Alltag zurück und geht auf Weltreise. Aus einem Jahr werden bald sechs Jahre, und aus dem jungen Mann aus der fränkischen Provinz wird ein anderer Mensch.

Auf seinen Reisen durch über 70 Länder lernt er mehr fürs Leben als in jeder noch so steilen Karriere: Er wird verhaftet, angeschossen und ausgeraubt, er durchsegelt einen Hurrikan auf dem Pazifik, arbeitet als Reisejournalist für eine renommierte Fluggesellschaft, versucht sich als Schmuggler und verdient ein paar Dollar als Stripper in Las Vegas. Für Nick gibt es kein ›Ich muss fort, ich muss einpacken, ich muss da und da hin‹, sondern er lebt in den Tag hinein.

Und seine Abenteuer sind noch lange nicht zu Ende. Aus Nicks geilster Lücke im Lebenslauf ist ein neuer Lebensinhalt geworden. Gemeinsam mit der Berliner Autorin Anita Vetter hat er sein Abenteurerleben in Fotos und Storys festgehalten.

Meine Meinung: Ich liieeebe Reiseberichte und daher war meine Freude groß, als ich bei Lovelybooks tatsächlich für diese Leserunde ausgelost wurde.

Das Buch liest sich super rasant und spannend, weil Nick so unglaublich viel erlebt. Und klar schlittert Nick auch mal in ausgewachsene Abenteuer wie den Sturm auf hoher See (das geht vermutlich gar nicht anders, wenn man auf Weltreise geht), aber es wird nicht in jedem Kapitel effektheischend eine neue lebensbedrohliche Situation erzählt. Im Gegenteil, es werden auch ausführlich mal die ruhigen (einfach mal in der Hängematte am Strand liegen) oder die richtig beschissenen Situationen (Busfahrt mit Lebensmittelvergiftung in Mexiko) geschildert. 

Richtig gut gefällt mir außerdem, dass man an den Bildern sieht, dass hier kein Travelblogger, gesponsort von Hotels, Fluglinien und Reiseveranstaltern, mit seiner Canon und 5 verschiedenen Objektiven losgezogen ist und uns Bilderbuchfotos präsentiert. Die Bilder sind mitten aus dem Leben, zeigen mal die Landschaft, mal die Leute, die Nick getroffen hat. Sie sind ehrlich. Das finde ich ganz großartig.

Und nicht zuletzt mag ich die zugrunde liegenden Aussagen. Wie er von der Geschichte des Vaters einer Freundin erzählt, der seinen Lebenstraum so lange hinten an gestellt hat, bis er gestorben ist. Dass man genau deswegen seine Träume jetzt verwirklichen soll. Dass man durch das Reisen erst mal wieder merkt, wie viel Angst heutzutage über die ganzen Medien geschürt wird und dass man dort draußen auf so unendlich viele tolle, freundliche, offene und hilfsbereite Menschen trifft. Dass man durch Reisen merkt, wie unbedeutend es doch eigentlich ist, wenn der Bus 5 Minuten zu spät kommt. Dass er früher immer nur erzählt hat, was ihn alles stört und dass er seit seiner ersten Weltreise auf einmal viel mehr davon spricht, was er liebt....Ich könnte ewig so weiter machen. Auch ohne Weltreise kann ich viele dieser Erkenntnisse unglaublich gut nachvollziehen und könnte Nick knutschen dafür!!!
Es hat mich unglaublich fasziniert und inspiriert. Auch den Gedanken, dass alles im Leben (wenn man es mit der richtigen Einstellung angeht), irgendwann einen Sinn ergibt, auch wenn man ihn nicht immer sofort erkennen kann, teile ich seit langem.

Die ein oder andere Erzählung ist mir natürlich besonders im Gedächtnis geblieben. Zum einen hab ich richtig mitgelitten, als Nick bei seiner ersten Rückkehr nach Deutschland in eine Depression verfallen ist und hab mich so gefreut, als Steffi auf der Bildfläche erschienen ist. Ich kann mir vorstellen, wie enorm wichtig es ist, dass man bei dieser Art zu Reisen einen Partner hat, der die eigenen Wünsche und Erfahrungen teilt und der einen aber auch mal sein eigenes Ding machen lässt.

Und tief beeindruckt hat mich die Geschichte von dem genügsamen Pizzabäcker, der genau ausgerechnet hat, wie viele Pizzen er am Tag verkaufen muss, um seine Kosten zu decken und seine Mitarbeiter zu bezahlen, und sobald er diese Zahl erreicht hat, macht er seinen Laden dicht. Der hat das Leben verstanden, kann ich nur sagen!!!! Scheiß auf ständigen Profit <3.

Am meisten hängenbleiben wird bei mir aber die Message, dass wir aufhören sollen, so viel Angst zu haben. Vor dem Unbekannten, vor neuen Ländern und vor allem vor anderen Menschen. Nicks Buch hat mir gezeigt, dass es so unendlich viele hilfsbereite Menschen auf dieser Erde gibt, die gerne etwas an andere abgeben, auch wenn sie selbst viel weniger besitzen als wir es uns vorstellen können.

Und auch das Schlusswort fand ich so wundervoll. Nicht jeder kann diese Art des Reisens sein Leben lang machen, es würde sicherlich auch nicht jeden glücklich machen und das ist auch okay so. Ich selbst sage ja immer wieder, dass ich mit meinem recht langweiligen Leben sehr zufrieden bin, weil ich ein hohes Sicherheitsdenken habe. Aber jeder sollte in sich reinhören und sich überlegen, was er sich für sein Leben wünscht und das dann auch konsequent umsetzen. Und vielleicht auch doch mal aus der Komfortzone heraustreten, wenn auch nur für kurze Zeit. Danke für diese inspirierende Lesereise, Nick. Ich hoffe, ich werde dich bald mal live erleben!

Bei meiner nächsten Reise werde ich an dich und dein Buch denken und hoffentlich den ein oder anderen Tipp umsetzen können. :) (Auch wenn ich garantiert niemals die Todesstraße runter brettern werde!!! :D)
Ihr seht, ich bin begeistert. Ich bin auch jeden Tag in meinem "langweiligen" Bürojob unterwegs, den ich aber zugegebenermaßen im Gegensatz zum Autor sehr liebe. Mir fehlt daher diese innere Unzufriedenheit, die ihn damals angetrieben hat. Dennoch kann ich diese Sehnsucht, diese Neugierde, diese unbändige Lust, mehr von der Welt zu sehen und zwar abseits von den typischen Touri Orten soooo gut verstehen. Geh einfach mal in die Seitenstraßen von den ausgetretenen Pfaden und du wirst tausendmal mehr entdecken als an jedem Souvenir-Stand.

Titel und Cover: Auch der optische Teil des Buches ist wunderbar. Das Format ist schön groß, es ist toll bebildert und der Text kommt mir sehr authentisch vor. Und - wie eine Kollegin auf Facebook schon angemerkt hat - ist der Anblick des Autors auf dem Cover auch nicht von schlechten Eltern ;) Unangefochtenes Highlight für mich ist aber der Titel. Besser kann man es nicht sagen. Klar, es fragen immer wieder alle, wie er diese "Lücke" denn nach seinen Reisen erklären will, doch für ihn ist es eben schon lange keine Lücke mehr. Mal abgesehen davon, dass ich mir als Arbeitgeber vermutlich die Finger nach so einer Arbeitskraft lecken würde. Auf seinen Reisen hat Nick nämlich in so vielen Bereichen Erfahrungen gesammelt, dass er vieles mit Links hinbekommen würde. Von seiner Motivation mal ganz abgesehen.

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Ja! Und ich werde das ein oder andere Exemplar verschenken!

Mittwoch, 11. September 2019

[Werbung/kostenloses Rezensionsexemplar] Nie wieder Frieden - Clint Lukas

Zusammenfassung: Clint Lukas‘ Erzählungen sind eine Kriegserklärung an die Langweiler, die Heuchler und die Selbstgerechten. Sein Feind ist der Idiot an sich und seine Helden begegnen dem, was ihnen der absurde Alltag so vor die Füße kotzt, mit Ironie, Humor, Mescalin und anderen Drogen – aber vor allem mit Liebe und Leidenschaft. Sein alter ego ist kompromisslos ehrlich. Pointiert erzählt und für den Leser tragisch-komisch scheitert er, verliert sein Herz, lässt sich auf skurrile Kunst-Projekte ein und kämpft gegen den Stumpfsinn einer auf Konsum und Konformität getrimmten Gesellschaft.

Clint Lukas, Wahlberliner, Autor, Regisseur, bringt mit „Nie wieder Frieden“ seinen zweiten Kurzgeschichtenband heraus. Einige der 28 Texte wurden von ihm mit Kugelschreiber illustriert. Zwölf seiner dialogischen Erzählungen sprach der Autor für die beiliegende CD im Studio ein.
Meine Meinung: Normalerweise bin ich ja nicht so ein Freund von Kurzgeschichten. Entweder, ich komme gar nicht richtig rein in die Geschichte, bevor sie vorbei ist und baue gar kein Gefühl für sie auf oder ich ärgere mich, dass die Geschichte nicht länger ist. Hier habe ich das E Book bei Lovelybooks gewonnen und dachte, es kann ja nicht schaden, wenn ich mich mal wieder rantraue. Und es war echt nicht schlecht. Irgendwie schafft es der Autor, in kurzer Zeit die Situation der Geschichte klar zu machen. Sicherlich hilfreich ist es, dass die Hauptfigur eigentlich immer die selbe ist, nur die Situationen sind anders. Vieles scheint auch autobiografisch angehaucht zu sein, denn viele Geschichten spielen beispielsweise an Filmsets.

Aber seid gewarnt, das Buch ist nichts für Spießer. Es geht um Sex, es geht um jede Menge Drogen und politische Korrektheit kann man hier auch lange suchen. Für mich durchaus gewöhnungsbedürftig (hab manchmal echt geschluckt oder den ein oder anderen Satz zweimal gelesen, da ich sicher war, was falsch verstanden zu haben), da ich mich grundsätzlich schon eher in die Richtung Spießer einordnen würde, aber dadurch auch sehr erfrischend.

Alles in allem bin ich aber ziemlich beeindruckt von dem Buch. Es werden ganz viele verschiedene Themen angesprochen und so oft ich auch schmunzeln musste, so oft wurde ich auch wirklich zum Nachdenken gebracht. Die Geschichten über Drogeneskapaden und -trips habe ich eher mit fasziniertem Unverständnis gelesen, anfangen konnte ich damit nicht so wirklich etwas. Auch manche sexuellen Themen fand ich eher seltsam (siehe "Als der Hummerkönig die Stadt besuchte"), aber dafür gab es dreimal so viele für mich tolle Geschichten:

Spiel mir das Lied vom Tod - Eine Geschichte über den Horror, heutzutage einkaufen zu gehen und schöne Konsumkritik
L'Éducation Sentimentale - Es geht um toxische Beziehungen und dass Liebe blind macht
Laichzeit - Erfahrungen vom Filmset. Es gibt immer neue Aufgaben und jeder ändert täglich seine Meinung. Mit jedem neuen Budgetgeber kommt zwar mehr Geld in die Kasse, dafür wird aber die Entfaltungsfreiheit immer mehr eingeschränkt.
Auch in Pompeji gab es Steuereintreiber - Es geht darum, wie leicht man im grauen Alltag untergehen kann. Hier fühlt man sich verstanden.
Der Feind in den eigenen Reihen - Ganz allgemein: schweißtreibene Arbeit, schlechte bzw. gar keine Bezahlung und ignorante Chefs. Vom Thema her ein Dauerbrenner.
Tramadol - Quasi ein witziger Beipackzettel über ein Medikament
Was die Welt im innersten Zusammenhält - Absolute Lieblingsgeschichte. Es geht um die Deutsche Bahn, streng Gläubige und BIER. Beste Story!
Morituri te Salutant - Spielt im Hospiz. Auch ganz grandios! Könnte ein Theaterstück werden.
Oh Himmel, strahlender Azur - Arbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen. Herrlich!

Ihr seht, hier ist für jeden etwas dabei. Viel Gesellschaftskritik. Bei manchem nickt man ganz dolle und voller Zustimmung, bei manchem muss man sich an die eigene Nase packen. Manchmal grinst man einfach nur. Und manchmal ist man so viel offensichtlicher Kraftanstrengung, bloß nicht Mainstream zu sein (denn das ist wohl die krasseste Aussage des Buches) ganz erschöpft. Aber ich fand es toll. Ich glaube, das Buch hole ich mir nochmal so richtig. Zum Anfassen und drin blättern!

Titel und Cover: Es spielen nicht alle Geschichten in Berlin, aber einige, daher passt das schon mal. Die Menschenmenge/Soldaten in der Ecke könnten von einem der Filmsets sein. Genau so gut könnten sie die Armee sein, die gegen das Spießertum kämpft oder auch einfach die alltägliche Armee der Leute, die täglich gegen/für/mit dem Leben kämpfen. Die sich jeden Tag den kleinen und großen Aufgaben des Alltags stellen. Der letzte Gedanke gefällt mir am besten, denn das Buch richtet sich auch ganz klar eher an die kleinen Leute, an die, denen es nicht so gut geht, an die, die mit dem Leben manchmal zu kämpfen haben. Den Titel finde ich klasse. In Nie wieder Frieden kann man auch alles Mögliche reininterpretieren. Nie wieder Frieden für die Spießer, nie wieder Frieden für einen selbst, weil es sowas wie Frieden gar nicht gibt....
Und der Untertitel passt spätestens, wenn man das Buch gelesen hat :D

Würdest du das Buch erneut lesen? Ja. Ich könnte mir vor allem vorstellen, es bei einem Bierchen in der Kneipe mal rauszuholen. Man merkt den Geschichten übrigens auch an, dass der Autor auf Poetry Slams auftrifft. Sicherlich sind sie live vorgetragen nochmal um Längen besser!

Dienstag, 10. September 2019

[Werbung/kostenloses Rezensionsexemplar] Die Einsamkeit der Seevögel - Gøhril Gabrielsen

Zusammenfassung: 
Eine Wissenschaftlerin reist mitten im Winter nach Finnmark, dem äußersten Zipfel Norwegens. Dort möchte sie das Schwinden der Zugvögelpopulationen und die Klimaveränderungen untersuchen. Fern jeder Zivilisation findet sie Freiheit und Luft zum Atmen, nach der sie sich in ihrer gescheiterten Ehe so gesehnt hatte.

Ganz allein, umgeben von endlosem Schnee, tosendem Meer und rauen Naturgewalten, wartet sie auf die Ankunft der Vögel. Und auf ihren Geliebten, der mit ihr die Einsamkeit teilen will. Doch warum verschiebt er seine Ankunft? Woher kommen die seltsamen Geräusche in ihrer Hütte? Und war es der Wind, der ihr über den Körper strich, oder ist sie doch nicht allein?

Als die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahn, Gegenwart und Vergangenheit immer mehr verschwimmen, muss sie sich endgültig dem stellen, was sie hinter sich gelassen hat.

Meine Meinung: Mein erster Gewinn bei Lovelybooks. Angemeldet bin ich da zwar schon ewig, aber damals war mir das Ganze irgendwie zu unübersichtlich. Nun hab ich letztens aber doch mal wieder reingeschaut und bin nun voll drin. Tommy schlägt schon die Hände überm Kopf zusammen :D.
Ich war auch sehr in love, als das Päckchen ankam und ich darin nicht nur das Buch sondern ein paar liebevoll gewählte Beigaben enthalten waren. Schön, oder?
Nun aber zum Buch.

Es wird relativ schnell klar, dass es drei verschiedene Ebenen während der Erzählung gibt. Die erste ist logischerweise die Forscherin und ihre Arbeit draußen in der Natur. Dann gibt es die Teile, in denen sie in Rückblenden von sich und ihrer Familie und ihrer Zeit mit Jo erzählt und dann noch die, in der sie sich den Alltag der Familie ausmalt, die vor 140 Jahren dort gelebt hat, wo nun ihre kleine Hütte steht. Von deren Geschichte hat sie bei ihrer Ankunft in einer Broschüre gelesen und die Geschichte der Frau, die damals an dem Ort gelebt hat, an dem sie nun selbst forscht, ähnelt ihrer Situation in vielerlei Hinsicht. Das verleiht dem Roman noch mehr Vielschichtigkeit.

Das Thema ihrer Forschung (die Auswirkungen des Klimawandels auf das Verhalten und die Population der Seevögel) fügt sich außerdem wunderbar in die sehr aktuellen politischen Diskussionen um dieses Thema ein. Dennoch liegt hier bei weitem nicht das Hauptaugenmerk. Viel mehr dient ihre Arbeit ihr als Ablenkung von ihren Sorgen. Dies spiegelt sich auch in der Sprache und der Erzählung wider. Man bemerkt zum Beispiel immer wieder sehr schön den Unterschied, wenn sie zu Beginn eines Kapitels die harten, unumstößlichen Wetterfakten aufzählt und anschließend in emotionale Erinnerungen abdriftet, die sie im Gegensatz zu den Fakten nicht einsortieren kann und auch überhaupt nicht weiß, wie sie damit umgehen soll.

Die klare und messbare Sprache der Phänomene - das ist es, was ich brauche. Eine Sprache, die unerschütterliche Tatsachen schafft, keine stummen, vagen Ahnungen. Einen Wind, der sich in Stundenkilometern messen lässt, kann ich analysieren und bis zu einem gewissen Punkt verstehen, im Gegensatz zu Gefühlen, die sich jeglicher objektiven Messbarkeit entziehen.

Hier sehe ich auch ein schönes stilistisches Zusammenspiel zwischen ihrem aufgewühlten Innenleben und der zwar rauen, dafür aber verlässlichen und einsamen Natur um sie herum.

Es ist keine Geschichte, die man mal eben nebenher wegliest (zumal es teilweise wirklich bedrückend wird, vor allem wenn sie von der Trennung von ihrem Mann erzählt. Manche Situationen sind wirklich beängstigend). Dennoch kann man der Geschichte gut folgen ohne dass man das Gefühl hat, Sätze zwei oder drei Mal lesen zu müssen.

Die Sprache ist zudem einfach wunderbar poetisch und atmosphärisch. Zum Beispiel: "Die Geräusche werden lauter und leiser, sind im Einklang und dann wieder nicht, eine Sinfonie, auf deren Oberfläche sie dahintreibt, bis sie immer schwerer und träger hineinsinkt und schließlich einschlummert."

Oder auf Seite 60 heißt es "Auf der Ebene oder wenn ich über das Plateau fahre, begegnet es mir überall. Das, was ich nicht weiß. Was ich nicht vollkommen begreife. Von Wind und Wetter und Himmel und Meer. Oder von den Seevögeln und ihrer Wanderung in die Kolonien. Ich weiß und weiß auch wieder nicht. Und genauso denke ich über mich und mein Leben." Tolle Bilder, die da im Kopf entstehen und die das Beschriebene viel greifbarer machen für den Leser. Ebenso gut gefallen mir die sehr lebhaften Beschreibungen, wie sie sich den Alltag der Familie vorstellt, die vor 140 Jahren dort gelebt hat. Sehr gefühlvoll und detailreich wird beschrieben, wie sie sich dort eingerichtet und gelebt haben könnten.

Obwohl objektiv gesehen wirklich nicht viel passiert, gelingt es der Autorin wunderbar, die Spannung immer weiter steigen zu lassen. Denn im Inneren der Forscherin spitzt es sich immer mehr zu und der Leser fragt sich zunehmend (und zusammen mit der Protagonistin), was Realität und was Einbildung ist. Es passieren immer mehr Dinge, die ihre Paranoia steigern (Nachrichten von ihrem Ex, ein kleiner Unfall etc.). Dafür vermisst sie ihren Geliebten Jo immer mehr.

Das Ende ist abrupt und unbefriedigend. Aber ich finde es dennoch gut. Geradezu genial. der Leser muss genau so leiden wie die Hauptfigur und gerade deshalb wird das Buch im Gedächtnis haften bleiben. Am Ende passt es auch einfach genau so wunderbar zu der Geschichte. Irgendwo fiel der Vergleich mit Shutter Island und tatsächlich ist das ein ziemlich guter Vergleich. 

Alles in allem ein tolles Gedankenexperiment mit toller Naturbeschreibung und großartigem psychologischen Einfühlungsvermögen. Ich bin begeistert!

Titel und Cover: Das Cover ist wunderschön und zeigt die raue, irgendwie aber auch friedvoll anmutende Natur, in der die Forscherin sich bewegt. Den Titel finde ich ebenfalls gut gewählt. Eigentlich sind es ja nicht die Vögel, die einsam sind, sondern eher die Forscherin. Aber in der Natur vor Ort sind sie dann doch gemeinsam die einzigen Lebewesen.

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Ja. Und am liebsten auch mal, während ich alleine in einer einsamen Hütte Zeit verbringe. Würde bestimmt einen gewissen Kick geben ;) (würde aber sehr gut ohne verrückten Ex-Mann auskommen, danke! ;))