Montag, 21. Oktober 2019

[Werbung / kostenloses Rezensionsexemplar] Ein anderer Takt - William Melvin Kelley



Zusammenfassung: Die kleine Stadt Sutton im Nirgendwo der Südstaaten. An einem Nachmittag im Juni 1957 streut der schwarze Farmer Tucker Caliban Salz auf seine Felder, tötet sein Vieh, brennt sein Haus nieder und macht sich auf den Weg in Richtung Norden. Ihm folgt die gesamte schwarze Bevölkerung des Ortes. William Melvin Kelleys wiederentdecktes Meisterwerk "Ein anderer Takt" ist eines der scharfsinnigsten Zeugnisse des bis heute andauernden Kampfs der Afroamerikaner für Gleichheit und Gerechtigkeit. Fassungslos verfolgen die weißen Bewohner den Exodus. Was bringt Caliban dazu, Sutton von einem Tag auf den anderen zu verlassen? Wer wird jetzt die Felder bestellen? Wie sollen die Weißen reagieren? Aus ihrer Perspektive beschreibt Kelley die Auswirkungen des kollektiven Auszugs. Liberale Stimmen treffen auf rassistische Traditionalisten. Es scheint eine Frage der Zeit, bis sich das toxische Gemisch aus Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit entlädt. Mal mit beißendem Sarkasmus, mal mit überraschendem Mitgefühl erzählt hier ein schwarzer Autor vom weißen Amerika. Ein Roman von beunruhigender Aktualität.

Meine Meinung: Als ich das Buch bei Vorablesen entdeckt habe, gefiel mir das Cover sofort. Und als ich dann die Zusammenfassung gelesen habe, war mir klar, dass ich das Buch super gerne lesen würde. Ich meine, wie gut ist denn bitte diese Story Idee?
Hinzu kommt, dass das eines dieser wiederentdeckten Bücher ist, denn die Erstausgabe wurde bereits 1962 veröffentlicht. Außerdem spannend ist, dass der Autor damals erst 24 Jahre alt war und zudem schreibt er als Farbiger die ganze Geschichte aus Sicht der weißen Bewohner des Dorfes. Das alles versprach, ein höchst spannendes Lesevergnügen zu werden.,

In manchem war die Geschichte genau so, wie ich es mir vorgestellt habe, dafür an ein paar Stellen auch gänzlich anders. Was genau so beschrieben wurde, wie ich es erwartet hatte, war der Anfang. Die gesamte weiße Dorfbevölkerung ist völlig verdattert, als eine riesige Salzlieferung für den Hof von Tucker Caliban kommt. Nach und nach versammeln sich alle am Rande seiner Felder und sehen dabei zu, wie er Salz verteilt, seine Tiere tötet und schließlich seine Farm anzündet. Und dann geht er. Zusammen mit seiner Frau. Genau wie tausende andere Farbige im Umkreis. Alle sehen zwar zu und wundern sich, aber niemand traut sich, die Leute direkt anzusprechen und nachzufragen (außer ein kleiner aufgeweckter Junge). Und zwar weil sie Angst haben. Sie haben Angst, zuzugeben, dass sie ohne die schwarze Bevölkerung gar nicht zurecht kommen würden. Das hat mich königlich amüsiert, vor allem weil sie sich alle ständig versichern, dass das Gegenteil der Fall ist. Man merkt einfach, wie selbstverständlich sie davon ausgehen, dass die schwarze Bevölkerung immer da sein wird und immer gehorchen wird.

Schweigend saßen sie da und dachten darüber nach, was das alles mit jedem Einzelnen von ihnen zu tun hatte und wie sich der nächste Tag, die nächste Woche, der nächste Monat vom vergangenen Tag, der vergangenen Woche, dem vergangenen Monat, von ihrem ganzen bisherigen Leben unterscheiden würde. Keiner war imstande, es zu Ende zu denken. Es war, als würde man versuchen, sich das Nichts vorzustellen, etwas zu erfassen, das noch nie jemand gedacht hatte. Keiner von ihnen verfügte über einen Bezugspunkt, an dem er das Konzept einer Welt ohne Neger hätte festmachen können.

Überrascht hat mich dafür, dass ein Großteil des Buches aus Sicht von der Familie erzählt wird, bei der Tucker und seine Frau jahrzehntelang gearbeitet haben. Ich dachte, dass quer durchs Dorf jeder Mal zu Wort kommt. Aber das ist nicht unbedingt schlecht, denn so erfährt man einiges aus der Familie, die am engsten mit Tucker und Bethrath zusammen gelebt haben. Die Kinder erzählen, wie sie mit Tucker und seiner Frau aufgewachsen sind und wie sie erst im Erwachsenenalter verstanden haben, was es eigentlich heißt, wenn man im Süden lebt und schwarz ist. Vor allem David scheint das erst nach Tuckers Verschwinden so richtig zu begreifen. Er öffnet ihm quasi die Augen mit seinem Handeln. Das fand ich richtig schön.

Wir haben hier ein wunderbares, kleines Buch, das der Gesellschaft mit ganz unaufgeregter Art den  Spiegel vorhält und erzählt von einem friedlichen, stummen Protest, der dennoch viel bewirkt. Es war eine gute Mischung aus Schmunzel-Momenten und Nachdenklich-machen. Immer wenn ich solche Geschichten lese ist es für mich unvorstellbar, wie lange farbige Menschen vor allem in den Staaten ungerecht behandelt wurden (ich weiß, dass das nett ausgedrückt ist).

Übrigens hat mir auch der kleine Epilog am Anfang gefallen, der von dem berüchtigten Vorfahren von Tucker berichtet. So hat man eine Verbindung zur noch dunkleren Zeit in Amerika.

Cover und Titel: Dass mir das Cover sehr gut gefallen hat, hab ich ja oben schon geschrieben. Das Foto hat für mich diese Art Aufbruchstimmung, die sehr gut zum Buch passt. Auch der Titel gefällt mir. Man kann ihn vielfältig interpretieren, für mich heißt das vor allem, dass sich das Leben der Weißen nach dem Weggang der Schwarzen ändern wird. Dass es ab jetzt in einem anderen Takt schlagen wird.

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Auf jeden Fall.


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