Dienstag, 2. November 2021

[kostenloses Rezensionsexemplar] Barbara stirbt nicht - Alina Bronsky


Zusammenfassung: 
Walter Schmidt ist ein Mann alter Schule: Er hat die Rente erreicht, ohne zu wissen, wie man sich eine Tütensuppe macht und ohne jemals einen Staubsauger bedient zu haben. Schließlich war da immer seine Ehefrau Barbara. Doch die steht eines Morgens nicht mehr auf. Und von da an wird alles anders.

Mit bitterbösem Witz und großer Warmherzigkeit zugleich erzählt Alina Bronsky, wie sich der unnahbare Walter Schmidt am Ende seines Lebens plötzlich neu erfinden muss: als Pflegekraft, als Hausmann und fürsorglicher Partner, der er nie gewesen ist in all den gemeinsamen Jahren mit Barbara. Und natürlich geht nicht nur in der Küche alles schief. Doch dann entdeckt Walter den Fernsehkoch Medinski und dessen Facebook-Seite, auf der er schon bald nicht nur Schritt-für-Schritt-Anleitungen findet, sondern auch unverhofften Beistand. Nach und nach beginnt Walters raue Fassade zu bröckeln – und mit ihr die alten Gewissheiten über sein Leben und seine Familie.

»Barbara stirbt nicht« ist das urkomische Porträt einer Ehe, deren jahrzehntelange Routinen mit einem Schlag außer Kraft gesetzt werden, und ein berührender Roman über die Chancen eines unfreiwilligen Neuanfangs.

Meine Meinung: Und mein nächster Gewinn, für den noch eine Rezension aussteht. Dieses Buch hab ich mir selbst ausgesucht, habe dafür nämlich meine Wunschbuchpunkte eingelöst. Ich fand die Idee der Geschichte unglaublich gut und die Leseprobe mit dem grummeligen Rentner, der es gar nicht fassen kann, dass seine Frau auf einmal nicht mehr alles rund um Haus und Sozialleben wuppen kann, hat mich sehr amüsiert. Nicht mal bedanken kann Barbara sich für das lauwarme Gebräu, das er ihr am ersten Tag als Kaffee serviert.

Ich muss aber direkt mal eines sagen und vermutlich ist das auch der Grund, weshalb mich das Buch erst mal ein wenig enttäuscht hat: "Urkomisch", so wie es auf dem Buchumschlag beschrieben wird, ist hier gar nix! In meiner Vorstellung würde die Geschichte um ein älteres Ehepaar gehen, das einfach noch ein bisschen in veralteten Rollenbildern steckt. Der Mann arbeitet, die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder. Und nun muss der Mann auf einmal lernen, dass die Frau doch mehr gemacht hat, als zwei Tassen am Tag zu spülen und alle zwei Tage mal zu saugen. Ich dachte, nach anfänglichen kleinen Startschwierigkeiten findet Walter großen Gefallen am Kochen und danach wird es eine herzerwärmende, lustige Geschichte.

Tja...falsch gedacht. Walter ist ein zutiefst verbitterter, frauen- und fremdenfeindlicher alter Mann und ich habe mich permanent nur gefragt "Barbara, warum bist du immer noch mit ihm verheiratet?". Seine Beziehung zu seinen Kindern ist nicht existent und Barbara scheint für ihn nur eine Haushälterin zu sein. Ja, ab und zu kommt durch, dass er Gefühle hat - für alle - und die aber einfach partout nicht zeigen kann, aber irgendwie konnte ich ihn dennoch nicht sympathisch finden. Hinzu kommt seine absolute Weigerung, zu erkennen, dass seine Frau ernsthaft krank ist und die Tatsache, dass er sein Herz offenbar eigentlich noch an jemand anderen verschenkt hat, vor vielen vielen Jahren.

Die "Auflösung" hat zwar tatsächlich nochmal einiges nachvollziehbarer gemacht, kann aber den traurigen Beigeschmack nicht vertreiben, den ich hatte. Diese Geschichte handelt von Menschen, die allesamt ihr komplettes Leben verschenkt haben. Und das ist an sich kein Problem, denn sowas gibt es zuhauf in der Realität und darüber zu lesen schafft wieder Dankbarkeit und Demut fürs eigene Leben. Es zeigt nur wieder mal, dass es schlecht ist, wenn Klappentexte einen falschen Eindruck erwecken. Man muss Walter zugute halten, dass er gegen Ende des Buches ein bisschen zugänglicher und verletzlicher wird. Und in dem Alter verändert man sich ja nicht mehr von heute auf morgen, gell? Mir ist klargeworden, dass auch er ein zutiefst erschütterter und verletzter Mensch ist. Aber trotzdem empfinde ich mehr Widerwillen als Verständnis.

Dennoch: Ein schnell zu lesenden Buch, das sehr nachdenklich macht (und wütend!) und das einen definitiv darüber nachdenken lässt, ob man sein Leben so, wie es jetzt ist, weiterführen möchte und vor allem die Frage aufkommen lässt: Käme ich klar, wenn ich von heute auf morgen meinen Partner pflegen und mich um mich selbst kümmern müsste? Wichtiges Thema!

Titel und Cover: Ein perfektes Zusammenspiel. Der Kaffee ist ein Running Gag in dem Buch (schmeckt Kaffee mit einer Prise Salz echt besser? Muss ich morgen mal ausprobieren!) und der Titel zeigt Walters absolute Weigerung, die Realität anzuerkennen.

[kostenloses Rezensionsexemplar] So wie du mich kennst - Anika Landsteiner


Zusammenfassung: 

Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Marie war Karlas Seelenverwandte, ihr Kompass in diesem Chaos, das sich Leben nennt. Und während sich dieses Chaos um sie herum einfach weiterdreht, reist Karla nach New York, um dort die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Als sie Fotos findet, die so verstörend wie alltäglich sind, fragt sie sich, wie gut sie Marie wirklich kannte. Die Schwester, die so ganz anders lebte als sie. Die erfolgreich und selbstbewusst war. Was Karla auf den Bildern sieht, verändert ihren Blick auf Marie, ihren Blick auf sich selbst und auf das ganze Leben vor ihr.
Anika Landsteiner erzählt eindringlich, bewegend und aufrüttelnd von Frauen wie uns. Von Menschen wie dir und mir. Ein Buch, das im Kopf bleibt.

Meine Meinung: Dieses Buch wurde witzigerweise kurz nach meinem Gewinn zu unserem Buchclubbuch gekürt. Leider hat das meine Lesegeschwindigkeit nicht beschleunigt. Arbeit, andere Bücher und der Fakt, dass es sich hier nicht um einen Pageturner handelt, haben dazu geführt, dass ich das Buch nur zu 2/3 ausgelesen hatte, als wir uns zur Buchbesprechung getroffen haben. Mittlerweile habe ich es aber beendet und es ist ganz dringend endlich mal die Rezension fällig. 

Ich bin etwas schwer reingekommen in das Buch, aber dann ließ es sich recht gut lesen. Mir hat es wie so oft gefallen, dass es zwei Erzählstränge gab. Einen von Marie vor ihrem Tod und einen von Karla, wie sie im Nachhinein versucht, den Tod ihrer Schwester zu verarbeiten. Ebenso hat mich der Kontrast zwischen dem beschaulichen, manchmal einengendem Dorfleben und dem aufregenden aber sehr anonymen Big City Life in New York fasziniert. Die Autorin fängt beides sehr gut ein für mich.

Es werden viele Themen angesprochen in dem Buch. Selbstverwirklichung, Scheitern, häusliche Gewalt. Hängen geblieben ist für mich aber vor allem eines. Nämlich die Frage "Wie gut kenne ich meine Liebsten wirklich?" Denn das ist es, was Karla sich mit jedem weiteren Tag deutlicher fragt. Wie gut kannte ich meine Schwester eigentlich? Wie gut meinen Vater? Wie gut meine Mutter?

Die Antwort darauf tut manchmal weh, bringt aber auch die Erkenntnis, der wir uns wohl alle stellen müssen. Oft kennen wir selbst die Leute, die wir glauben gut zu kennen, nur zum Teil. Beziehungsweise eben nicht ganz. Vielleicht waren wir bei einem einschneidenden Erlebnis einfach noch nicht an deren Seite, vielleicht haben sie einen ganzen Lebensabschnitt ohne uns verbracht (Eltern z.B. - zwangsläufig ;)), vielleicht kennen wir sie nur aus bestimmten Situationen (Sportverein oder Arbeit) oder wir kennen sie zwar schon sehr gut, aber sie erzählen uns trotzdem nicht alles. Die nächste Frage, die ich mir dann gestellt habe, war: Ist das denn schlimm? Für mich nicht unbedingt. Ich glaube, wir alle zeigen oft nur einen Teil von uns, ob bewusst oder unbewusst. Schmerzhaft wird es natürlich dennoch, wenn man nach dem Tod einer Person merkt, dass man sie nicht so gut kannte, wie angenommen.

Und hier sind wir wieder mal bei etwas, was ich am Lesen so sehr mag: Es bringt mich zum Nachdenken. Es bringt mich dazu, andere Blickwinkel einzunehmen und mir solche Fragen zu stellen. Das liebe ich ganz dolle! Das Buch war eher leise, eher ruhig und besonnen. Kein Pageturner, wie schon gesagt. Aber es ließ sich gut lesen und hatte ein lebensnahes Thema. Jeder wird sich hier auf die ein oder andere Art wiederfinden.

"Das Hintergrundrauschen reicht mir, um die aufkeimende Einsamkeit abzufangen, bevor sie sich über mich legt. Ich weiß gar nicht, ob Einsamkeit das richtige Wort ist, es wirkt zu groß für jemanden wie mich. Ich habe eine wunderbare Schwester, fürsorgliche Eltern, einen tollen Freundeskreis. Doch ich bin auch geschieden und wohne nun allein. Und ich weiß, dass Empfindungen manchmal wenig mit äußeren Umständen zu tun haben. [...] Man kann alles unter Kontrolle haben, sogar die Buchhaltung, und trotzdem immer wieder leidvoll auf dem Sofa unter den eigenen Erwartungen zerfließen." 

Das Ende war für mich tatsächlich mit ein paar Überraschungen gespickt, die es für mich gar nicht gebraucht hätte. Die Story von Karla und Marie hätte für das Buch meiner Meinung nach ausgereicht. Das ist aber mein einziger Kritikpunkt.

Titel und Cover: Ob es so gewollt ist, keine Ahnung, aber bei dem Cover denke ich sofort an die ganzen berühmten New Yorker Kunstgalerien (unvergessen schon alleine durch Sex and the City ;)) und der Titel passt perfekt zur für mich herausstechenden Hauptfrage der Geschichte. Von daher: Alles richtig gemacht!

Montag, 16. August 2021

[Kostenloses Rezensionsexemplar] Sieben Quadratmeter Glück - Marion Hahnfeldt


 Zusammenfassung: Weil weniger so viel mehr bedeuten kann: Minimalistisch leben im Wohnmobil

Mein Haus, mein Auto, mein Boot – wer hat, der kann, und wer nichts hat, zieht in den Caravan? Das mag früher so gewesen sein, und noch immer ist das Leben in einem Wohnwagen eher ungewöhnlich und verhältnismäßig günstig.

Doch die Idee von Marion Hahnfeldt ist eine andere. Nämlich herauszufinden, was man im Leben wirklich braucht. Kommt man noch klar ohne den üblichen Komfort? Reichen sieben Quadratmeter, wenn es früher mal 95 waren? Wie lebt es sich draußen im Winter – ohne Zentralheizung, Toilette und fließend Wasser?

Meine Meinung: Herr im Himmel, ich komme echt zu nix mehr. Nicht nur, dass ich nicht mehr all meine gelesenen Bücher rezensiere, geschweige denn aus dem Alltag erzähle, ich komme mittlerweile nicht mal mehr zum pünktlichen Rezensieren meiner gewonnenen Bücher. Dabei sollte das doch der Mindestanspruch sein. *Seufz* Immerhin wird nun für uns im Büro doch noch nach Verstärkung gesucht und ich bete, dass wir ab Dezember hier nicht zu zweit sitzen, sonst sehe ich echt schwarz. Das Jahr 2021 verlangt mir arbeitstechnisch echt viel ab. Aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken, sondern schweife lieber ab zu meinen geliebten Büchern, die es immer wieder schaffen, mich aus dem Alltag rauszuholen und mich abzulenken und neue Denkanstöße zu geben. Selbst Tommy hat sich wieder mehr für's Lesen begeistert :) Freut mich natürlich besonders!

Dieses Buch habe ich im Frühjahr gewonnen und da ich mich schon lange - inspiriert durch Björn - für einen Roadtrip im Camper interessiere, fand ich das Buch spannend. Zwar geht es hier nicht um einen Roadtrip, sondern um das Leben auf dem Campingplatz, aber Leben auf kleinem Raum muss man ja bei beidem. Außerdem finde ich die Ansätze der Autorin spannend. Sie zieht nicht aus, weil sie kein Geld mehr hat, sondern weil sie wissen möchte, ob weniger Besitz wirklich glücklich und frei macht. Um das herauszufinden nimmt sie sich vor, ein Jahr im Camper zu wohnen.
Und so dürfen wir sie begleiten und bekommen Eindrücke nicht nur vom romantischen "Aussteigerleben" sondern eben auch von den unromantischen Seiten. Ständig anlaufende Fenster, defekte Heizungen, Toilettengänge bei Wind und Wetter sind nur einige davon.
Genau so spannend fand ich die Beobachtungen der anderen Camper. Familien, Messebesucher, Weltreisende und auch Gestrandete, die keine andere Möglichkeit haben. Fakt scheint aber zu sein: Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase macht dieses "Weniger" wirklich glücklich und zufrieden.

Vielleicht muss aber dazu gesagt werden, dass die Autorin mittlerweile wieder in einer Wohnung lebt, allerdings in einer wesentlich kleineren als vor dem Camper-Projekt.

Und immer wieder denke ich: Sollten wir das vielleicht auch mal ausprobieren?

Titel und Cover: Das Gesamtpaket mag ich sehr gerne. Der Titel macht einem direkt klar, WIE wenig Platz in so einem Camper ist und das Bild sorgt dennoch direkt für Entspannung.


Sonntag, 4. Juli 2021

[Kostenloses Rezensionsexemplar] Kind dieser Stadt 2 - Juna Nieves


Zusammenfassung: Glücklich ließ David die vergangenen Monate Revue passieren. Er liebte seinen Job, er liebte die Abende in der Stammkneipe mit seinen Freunden und er liebte Jule. Schon über ein Jahr war es her, dass er ihr aus der Obdachlosigkeit herausgeholfen hatte. Mittlerweile ging sie einem geregelten Job nach und schien in ihrem neuen Leben angekommen zu sein.

Doch warum hatte er trotzdem das komische Gefühl, dass etwas nicht stimmte? Was waren das für Anrufe auf ihrem Handy und wieso zog sie sich plötzlich so oft von ihm zurück? Als Jules beste Freundin Paula in den erbarmungslosen Sumpf der Straße gezogen wird, scheint dieses dunkle Kapitel Jule einzuholen und vor eine innere Zerreißprobe zu stellen ...


Meine Meinung: Vor einigen Wochen hat Juna mich angeschrieben und gefragt, ob ich Lust hätte, Band zwei ihrer "Kind dieser Stadt" Reihe als kostenloses Rezensionsexemplar zu lesen. Was für eine Frage! Ich hab mich sehr über die Frage gefreut, denn Teil 1 hat mir damals ja schon gut gefallen. Und ich möchte vorab sagen, dass ich auch hier wieder keinerlei Vorgaben bekommen habe. Sollte ich das Buch scheiße finden, dürfte ich es auch genau so schreiben :) Ich habe dieses Mal lange gebraucht, um das Buch zu lesen (sooorry Juna), aber das lag nicht am Buch, sondern an der Arbeit momentan. Das Buchclubbuch musste auch gelesen werden und oft bin abends momentan zu kaputt, um lange zu lesen. Aber nun bin ich durch damit und ich kann euch sagen: Es ist genau so gut wie Band eins. <3

Wir treffen all die geliebten Charaktere wieder. Davids Freunde, die mittlerweile auch Jules Freunde geworden sind. Sie alle treffen sich wieder regelmäßig in ihrer Stammkneipe, es werden Probleme besprochen und Feten gefeiert.

"Jule lochte derweil die letzte Kugel beim Billard ein, was bedeutete, dass Egon den "Goldenen Reiter" von Joachim Witt auflegen und Clara als Verliererin dazu performen musste. Wir waren allerdings schon lange dazu übergegangen als gesamte Clique die kleine Tanzfläche zu stürmen, wenn es so weit war und es als Anlass zu sehen, uns all unseren Frust von der Seele zu schreien und rumzuhampeln, als würde uns niemand zusehen."

Der Junggesellenabschied mit dem Bingo hat mich zum Beispiel auch wieder arg schmunzeln lassen. Oder die Art und Weise, wie die Freunde versuchen, Ramonas nervige Mutter am Tag der Hochzeit ihrer Tochter ein wenig zu bremsen. Herrlich! Ich liebe die Freundschaftsdynamik in den Büchern von Juna!

Doch die Figuren haben sich weiter entwickelt und so auch ihre Probleme. Davids bester Kumpel lernt einen Mann kennen und traut sich in seine erste feste Beziehung. Jule hat einen festen Job und scheint im Leben angekommen zu sein, auch mit David läuft es eigentlich gut. Doch auch die beiden müssen sich Beziehungsproblemen stellen. Vor allem Jule wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Erinnerungen an ihre Kindheit setzen ihr zu, zusammen mit viel zu echten Geistern aus der Vergangenheit und außerdem hat sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Ersatzfamilie auf der Straße, weil sie sie vermeintlich im Stich gelassen hat. Das ist übrigens auch wieder so ein Punkt, der mir zeigt, wie behutsam sich die Autorin mit dem Thema Obdachlosigkeit auseinandersetzt. Ich habe viele Dokus über das Thema geschaut seit dem ersten Band (unter anderem "Das Berlin Projekt") und dort ging es unter anderem auch darum, dass Obdachlose oft kleine Gemeinschaften bilden. Und man fühlt sich seinen Leuten verpflichtet und möchte sie nicht im Stich lassen. Als dann Paula auch noch in eine sehr gefährliche Lage gerät, ist Jule völlig durch den Wind. Und das, obwohl sie doch mit sich selbst und ihrem Geheimnis schon mehr als genug zu verarbeiten hat....

Was soll ich sagen? Ich finde David immer noch zu toll für diese Welt. Ich liebe es, wie er sich Gedanken um Jule macht, versucht, ihr Freiraum zu geben und sich dennoch zu kümmern. Und ich find auch Jule einfach wunderbar. Ich kann ihre Unsicherheit, ihre Angst und die Zweifel, ob sie mit ihrer Geschichte bereit ist für diese Fülle an Leben und all die Herausforderungen und  Verantwortung sehr gut nachvollziehen, vor allem eben mit ihrer Geschichte.
Und trotz dieser vielen ernsten Themen kann man immer wieder schmunzeln, weil so viel Herzlichkeit und Liebe in der Geschichte stecken.

"Sie hat mir vor ein paar Tagen einen Heiratsantrag gemacht und ihn bisher nicht zurückgezogen", David schmunzelte bei seiner Wortwahl.

Ich hab nur eine Bitte: Bitte lass es einen Teil 3 geben und bitte schreib ihn dicker :DDD Ich liebe diese bodenständige, lebensnahe Story total!

Titel und Cover: Das Cover von Teil zwei ist wunderbar. Es passt offensichtlich sehr gut zum ersten Teil und wurde an die Jahreszeit, in der es spielt, angepasst. Den Bezug zu Köln kann man auch kaum übersehen. Für den Titel hätte ich mir eventuell eher noch einen Zusatz statt der Zahl 2 gewünscht, aber das ist ein sehr kleiner Kritikpunkt. (Und ja, sagt es ruhig: Dann komm doch selbst erst mal mit einem besseren Vorschlag! I know :D).

Montag, 24. Mai 2021

[Kostenloses Rezensionsexemplar] Gefangen und Frei - David Sheff


 Zusammenfassung: Eine schreckliche Kindheit, die falschen Freunde und mehrere Straftaten - Jarvis Jay Masters Leben war geprägt von Hass und Gewalt. 1990 wird ihm ein Mord an einem Gefängniswärter angehängt, und er wird zum Tode verurteilt. Masters ist voller Wut, hat Panik-Attacken und weiß keinen Ausweg mehr. Bis er eines Tages den Rat bekommt, es mit Meditation zu versuchen. Zunächst zweifelt Masters an der Wirksamkeit des buddhistischen Weges und es graut ihm davor, die Augen im Gefängnis zu schließen. Doch eines Tages beginnt er dennoch zu meditieren und gewinnt eine völlig neue Sicht auf sein Leben.

Bestsellerautor David Sheff beschreibt Masters tiefgreifende Transformation vom Straftäter zu einem praktizierenden Buddhisten, der Gewalt auf dem Gefängnishof verhindert und Gefangenen - und Wachen - hilft, einen Sinn in ihrem Leben zu finden. Die Lehre des Buddhismus von einer völlig neuen, tief bewegenden Seite.

Die Reise eines Mannes, die tief berührt und klar macht: Du kannst frei sein, egal wo du bist. Dein Leben kann jeden Tag neu beginnen.

Meine Meinung: Als ich das Buch als Leseprobe bei Vorablesen gesehen habe, hat es mich zwar sofort interessiert, ich war aber auch sehr skeptisch. Ich hatte eine blumige, viel zu esoterische Geschichte erwartet, die mit der Realität nicht viel zu tun hat. Doch zumindest die Leseprobe war davon weit entfernt und so hab ich mich in den Lostopf geworfen und siehe da: Gewonnen :)
Das Buch kam an und ich habe sofort angefangen damit. Und was soll ich sagen? Es hat mich gecatcht und von der ersten Seite an berührt. Es geht los mit dem Kennenlernen von David und Jarvis und mit der Kindheit und Delikt, für das Jarvis letztendlich zum Tode verurteilt wurde.
Anschließend geht es erst richtig los. Man erfährt von Jarvis' Anfangszeit im Knast und wie frustriert, ängstlich und vor allem wütend er ist. Dieser Zustand frisst ihn auf. Jeden Tag hat er Angst  vor seiner Hinrichtung und Albträume davon. Hinzu kommt der Gefängnisalltag, die Aussichtslosigkeit, die Gewalt, die Einsamkeit. Wenn er mal Besuch bekommt, verprellt er ihn. Seine Schwester besucht ihn mit einem ihrer Kinder, er ist höhnisch und aggressiv. Doch irgendwann besucht ihn eine Gefängnisaktivistin, die sich für die Rechte von Gefangenen und für Verbesserung ihres Alltags einsetzt. Sie leistet ihm Gesellschaft, interessiert sich für ihn, stellt ihn weiteren Menschen vor. Unter anderem einer praktizierenden Buddhistin. Immer häufiger besucht sie ihn, hört sich seine Sorgen an und erzählt ihm von der Praxis der Meditation. Irgendwann probiert Jarvis es aus und auch, wenn es ihm nur sehr langsam gelingt: Er lässt sich drauf ein. Denn was hat er zu verlieren. Immer besser gelingt es ihm, sich auf das Hier und Jetzt einzulassen, sich den Ängsten zu stellen und sich zumindest eine Zeitlang zu vergessen. 

"Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass uns Gedanken über die Zukunft eigentlich nur quälen. [...] Wenn ich aber im gegenwärtigen Augenblick bin, so wie jetzt mit dir, dann geht es mir gut."

Er beginnt, sich auch für andere Aspekte des Buddhismus´ zu interessieren, lernt einen Lama kennen, praktiziert immer mehr. Und nicht nur das: Er setzt sich mit dem auseinander, was er erlebt hat. Er verarbeitet es, beginnt, sich zu verstehen. Und er spürt, welche Erleichterung das sein kann.

"Hass kostet eine Menge Energie. Wenn ich ihn aber loslasse...fühle ich mich...", er suchte nach dem passenden Ausdruck: "...befreit!".

Er erkennt, dass er auch anderen Mitgefangenen diese Erleichterung verschaffen möchte und gibt sein erlerntes Wissen weiter. Selbst Wärtern hört er zu, wenn sie ihm von Problemen berichten.
Das alles wird auf eindringliche, aber nicht übertriebene Art und Weise erzählt. Natürlich hat Jarvis Ups und Downs. Er ist und bleibt in der Todeszelle. Aber seine Freunde und seine Meditationen halten ihn aufrecht. Er schreibt Bücher, lernt eine Frau (von draußen) kennen, verliebt sich, heiratet im Knast und er kämpft irgendwann sogar für seine Freilassung, unterstützt von denen, die ihn kennen und schätzen gelernt haben und rappelt sich nach jedem Rückschlag wieder auf.

Ich möchte hier kein falsches Bild vermitteln: Natürlich ist mir klar, dass das kein normaler Werdegang für einen Kandidaten in der Todeszelle ist. Es gibt sicher viele, bei denen Hopfen und Malz verloren ist, keine Frage. Dennoch klingt die Schilderung zu diesem Fall für mich authentisch und das, was ich über Google rausfinden konnte, bestätigt die Geschichte. Sein Buch "Finding Freedom" scheint in amerikanischen Gefängnissen echte Berühmtheit erlangt zu haben. Und ich sag es mal so: Keine Ahnung, ob er das, wofür er zum Tode verurteilt wurde, wirklich getan hat und so oder so war er vorher schon kriminell und das gehört bestraft, Basta! Ich bin übrigens nicht mal ein kompletter Verweigerer der Todesstrafe. Ich glaube, es gibt einige wenige Menschen auf dieser Welt, die so krank und gestört sind, dass keine Therapie der Welt sie heilen kann. Aber was ich absolut unmöglich finde: Jemanden dazu zu verurteilen, wenn es nicht absolut stichfeste Beweise gibt. Und ebenso, wie in Jarvis Fall, ihn jahrzehntelang irgendwo vor sich hin vegetieren zu lassen.
Wenn ich schon jemanden 30 Jahre in diesen Umständen einsperre, dann könnte ich irgendwann mal ehrlich überprüfen, ob sich da was getan hat in der persönlichen Entwicklung. Dafür gehen ja immerhin auch Steuergelder drauf, und vermutlich nicht zu knapp. Und eines hat Jarvis ganz sicher getan wie wenig andere, ob innerhalb oder außerhalb von Gefängnismauern: Er hat sich intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt. Er hat bereut, sich geschämt, sich um Wiedergutmachung bemüht, an sich gearbeitet. Ist es nicht das, was Knast bewirken soll?

Ich kann jedenfalls sagen, dass dieses Buch mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Es hat mich berührt, es hat mich wütend gemacht, ich habe laut geschluchzt. Ich war kurzzeitig davon überzeugt, mich der "Free Jarvis" Bewegung anzuschließen. Aber so sollen gute Bücher sein, hm? Sie sollen beschäftigen, den Horizont erweitern. Ich fand es beispielsweise auch super interessant, zu sehen, wie anders hier Buddhismus dargestellt wurde im Vergleich zu diesem Buch. Das bestätigt nur wieder, dass keine Religion per se gut oder schlecht ist, sondern es kommt eben immer auf die Auslegung an...

Und mal ganz nebenbei hat mir das Buch auch sicherlich deshalb sehr gut gefallen, weil ich dort unglaubliche viele Überzeugungen von mir selbst wiedergefunden habe. Große Liebe für das KARMA ;) <3

"Ganz gleich ob du in eine privilegierte oder eine arme Familie, ob du gesund oder krank geboren wirst, all dies hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, denn das Leben ist nicht fair. Wenn Eltern ihr Kind verlieren, geschieht dies nicht wegen ihres Karmas. Aber die Situation, mit der sie danach konfrontiert werden, ist ihr Karma - also die Frage, wie sie auf die Sache reagieren. [...] Pema erklärte, dass es nicht entscheidend sei, warum Jarvis in San Quentin im Todestrakt war. Sein Karma äußerte sich in der Tatsache, dass er da war, und das Einzige, was zählte, sei, wie er mit der Situation umginge. Viele im Todestrakt verzehren sich in Bitterkeit, Rachegedanken, und manche würden sogar verrückt. Jarvis hatte einen anderen Weg gewählt, nämlich den Buddhismus mit all seinen Konsequenzen. Sie erklärte, dass in Bezug auf Karma nur zwei Fragen relevant seien: In welcher Lage befinde ich mich? Und: Wie nutze ich sie sinnvoll?"

JA MAN! Das ist einfach wieder ein gutes Beispiel dafür, dass Lesen bildet. Es ist egal, was du liest, Hauptsache, du liest! Man nimmt eigentlich immer was mit, sei es Wissen oder emotionale Bildung.
In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Pfingstmontag und verabschiede mich mit dem besten Zitat aus dem Buch:

"Der Maßstab für den Fortschritt auf dem buddhistischen Weg ist nicht, ob man verhindern kann, zu fallen - denn das ist unvermeidbar -, sondern, ob man es schafft, wieder auf die Beine zu kommen."

Titel und Cover: Mag ich. Der Titel ist klar und jeder weiß, was damit gemeint ist. Ganz wie das Lied "Die Gedanken sind frei" ;) Und auch das schlichte Cover in den blauen Farben (die für mich Himmel oder Meer symbolisieren, also Freiheit) gemischt mit den Streifen, die an Gitterstäbe erinnern, ist das eine sehr gelungene Zusammenstellung!