Sonntag, 30. April 2017

Brief an D. - André Gorz

 Klappentext:
'Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je.'
So beginnt diese 'Geschichte einer Liebe', verfasst vom
83-jährigen Philosophen und Sozialtheoretiker André Gorz in Form eines langen Briefes. Er rekapituliert die 58 Jahre des Zusammenlebens mit D., einer Engländerin, die er 1947 in Lausanne kennen gelernt hatte und die dann seine Frau wurde.
Entstanden ist ein Rückblick der ganz besonderen Art auf ein gutes halbes Jahrhundert philosophisch-politischer und publizistischer Arbeit, bei der D. ihm immer zur Seite stand. Doch ganz am Anfang dieses Rückblicks steht auch die Frage: 'Warum nur bist du in dem, was ich geschrieben habe, so wenig präsent, während unsere Verbindung doch das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist?' Dieses Buch ist kurz; es handelt nur von den wichtigsten Dingen.
Der Suizid des Ehepaares Ende September 2007 erscheint nach der Lektüre des Buches in völlig anderem Licht. Keiner von beiden möchte den anderen überleben, schreibt Gorz am Schluss seines Briefes. Mit dem gemeinsamen Freitod sind beide der Notwendigkeit entronnen, in dieser Welt ohne den anderen sein zu müssen.

Meine Meinung: Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, als ich meine Oma 2011 regelmäßig im Hospiz besucht habe. Obwohl es an sich ein trauriger Anlass ist, in ein Hospiz zu gehen, war ich immer gerne dort. Meine Oma war eine verdammt starke Frau und sie hat uns den Abschied wirklich so leicht wie möglich gemacht und konnte bis zum letzten Tag mit uns lachen. Und auch das Personal dort in diesem gemütlichen Haus hat den Aufenthalt sehr angenehm gemacht. Von daher war und ist das Hospiz an der Königsallee in Bochum für mich ein wundervoller Ort, an den ich gerne denke. Unten in der Eingangshalle steht an der großen Treppe, die nach oben führt, ein kleines Bücherregal, aus dem man Bücher herausnehmen und auch welche von sich reinstellen kann. Als ich einmal daran vorbei gegangen bin, stach mir dieses kleine, dünne Büchlein ins Auge. Ich habe es herausgenommen und nachdem ich die Worte auf dem Cover gelesen habe, war mir klar, dass ich es mitnehmen muss.
Erst jetzt habe ich es gelesen (an einem Nachmittag, nicht schwer bei nur 88 Seiten) und es hat mich tief berührt. André Gorz beschreibt hier die Geschichte seiner Liebe. Vom Kennenlernen über die schwierige Anfangszeit mit wenig Geld bis hin zum langsamen beruflichen Erfolg und damit verbunden auch der besseren Lebensqualität. Gleichzeitig aber auch von der getrübten Freude, weil seine Frau schwer erkrankt und er ihr das Leiden nicht abnehmen kann.
Das Einzige, woran er während all dieser Jahre nie gezweifelt hat, war die Liebe zu seiner Frau. Und in seinem Lebensabend blickt er nun auf das gemeinsame Leben zurück und erkennt, dass er viel zu selten über seine Gefühle gesprochen hat, dass er viel zu selten "Danke" gesagt hat. Letztendlich hat er das Gefühl, dass vor allem seine Frau es war, die seinem Leben einen Sinn gegeben hat.


"Das Kapitel sollte die wichtigste Wende meines Lebens deutlich machen. Es sollte zeigen, wie meine Liebe zu Dir, mehr noch: die Entdeckung der Liebe mit Dir, mich endlich dazu geführt hat, existieren zu wollen."



Ich mochte seine Erzählungen sehr gerne. Es war nicht immer alles rosig, beide haben viel diskutiert, hatten oft andere Ansichten, ja sogar völlig verschiedene Wesen, und dennoch hatten sie eine tolle Zeit zusammen.
Insbesondere die Tatsache, dass sich beide kurz nach der Vollendung dieses kleinen Büchleins das Leben genommen haben, macht das Buch irgendwie tragisch.
Ich habe schon öfter von solchen Geschichten gelesen und blicke etwas zwiespältig darauf. Sicherlich ist es irgendwie eine Art von Romantik und nicht zuletzt ist es ja auch durchaus verständlich, wenn man nach über 50 Ehejahren gar nicht mehr ohne den anderen sein möchte bzw. kann. Andererseits finde ich den Gedanken auch ein wenig gruselig, mein Leben könnte wirklich jeglichen Sinn verlieren, wenn mein Partner stirbt. Ich hoffe, dass ich in jeder Lebensphase auch noch Freunde und Familie haben werde. Ich möchte mich gar nicht nur auf meinen Partner fokussieren.
Aber auch André Gorz wird gewusst haben, dass er nicht mehr so viele Jahre hat und letztendlich ist es ja die Entscheidung von jedem selbst.
Wie steht ihr dieser Sache gegenüber?


Sehr interessant fand ich auch, dass Gorz einem viele Einblicke in die Gedankenwelt eines Künstlers und Autors gibt.


"Das Sagen ist wichtig, nicht das Gesagte; was ich geschrieben hatte, interessierte mich sehr viel weniger, als das, was ich sodann schreiben könnte. Ich meine, dass das auf jeden Schreiber/Schriftsteller zutrifft."


Alles in allem ein sehr nettes Büchlein, das innehalten lässt und berührt. Ich habe viel an meine Oma gedacht beim Lesen (ich habe auch zu wenig "Danke" gesagt und hoffe doch, dass sie weiß, dass ich immer dankbar war und immer noch bin) und es hat mir Freude bereitet.


Das Cover ist ja eigentlich gar keins, es ist ein abgedrucktes Zitat aus dem Text. Aber gerade das hat mich ja so angesprochen, daher finde ich die Idee nicht schlecht. Sollte eventuell öfter so gehandhabt werden, wenn einem sonst kein schönes Cover einfällt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich sowieso einen Faible für Zitate habe. Den Titel finde ich nicht besonders originell, zumal mich das D. zusätzlich irritiert. André Gorz war ein bekannter Schriftsteller, der unter anderem für Sartre gearbeitet hat und jeder kann den Namen seiner Frau schon im Wikipedia-Artikel nachlesen. Daher verstehe ich die Abkürzung nicht so ganz. Aber nun ja....wer versteht schon die Künstler? ;)


Würdest du dieses Buch erneut lesen? Grundsätzlich ja, allerdings habe ich mir die schönsten Zitate rausgeschrieben und werde das Buch nun weiter geben. Sicherlich erfreut es auch noch jemand anderen.

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