Mittwoch, 10. August 2016

Einer von uns - Die Geschichte eines Massenmörders - Åsne Seierstad


Klappentext: Wie konnte sich Anders Breivik, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem perfiden Terroristen entwickeln? Åsne Seierstads ausgezeichnetes Buch ist gleichzeitig psychologische Studie und literarisches True Crime, gleichzeitig Würdigung der Opfer und eine messerscharfe Analyse einer Tat, die sich jederzeit und überall wiederholen könnte.


Meine Meinung: Ich hatte in einer der letzten Stern Crime Ausgaben von diesem Buch gelesen und wusste sofort, dass ich es kaufen muss. Ich glaube, dass mich nach dem 11. September 2001 nichts so sehr schockiert und betroffen gemacht hat, wie dieses Attentat. Und nachdem ich mir einige Bewertungen aus der Internetwelt durchgelesen hatte, wollte ich das Buch noch mehr lesen. Also schwupps bestellt und schon konnte ich anfangen.


Ich denke, dass völlig klar ist, dass es sich hier nicht um leichte Lektüre handelt und ich musste auch bereits im Prolog schwer schlucken. Der ist aber sehr kurz gehalten und dann beginnt das eigentliche Buch. Åsne Seierstad hat hier nicht nur über den Täter geschrieben, sondern auch über seine Familie. Sie geht zurück bis zu seinen Großeltern und kommt dann über seine Eltern zu ihm. Natürlich wird sein Leben besonders intensiv beleuchtet. Aber das eigentlich Besondere an dem Buch ist, dass Frau Seierstad auch auf das Leben einiger Opfer und Überlebender von Utøya einen ausführlichen Blick geworfen hat.
Genau das verleiht dem Buch seine unglaubliche Intensität, denn man bekommt keinen einseitigen Blick auf die Dinge, sondern einen sehr vielschichtigen.
Ich kann die vielen unterschiedlichen Gefühle, die ich während des Lesens empfunden habe, nur schwer zusammenfassen, aber vor allem war es wohl Traurigkeit und Fassungslosigkeit. Gepaart mit Mitleid und auch Erschrecken darüber, wie viel hätte anders laufen können. Es gab so unzählig viele Stellen im Leben von Herrn Breivik, zu denen ich dachte "Was wäre, wenn er da Erfolg gehabt hätte? Wenn er anerkannt worden wäre?".
Denn sein Leben, wie es sich dort darlegt, ist eine einzige Aneinanderreihung von Ablehnungen. Das fängt bei seinen Eltern an, geht weiter in der Tagger-Szene und in der Fortschrittspartei. Mit jeder Ablehnung wird er radikaler und man spürt deutlich den Punkt in seiner Geschichte, an dem alles zu spät ist und nichts mehr wieder gut gemacht werden kann. Wie viel ist bei der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt schief gelaufen, wie viel vor allem natürlich in der Erziehung und im Elternhaus! Es war einfach unfassbar.  Manche Menschen dürften einfach keine Kinder bekommen.
Als es noch um ihn als kleinen Jungen ging, hatte ich starkes Mitleid mit ihm, doch das hörte natürlich auch schnell auf. Nach wie vor glaube ich, dass jeder Mensch eine Wahl hat. Breivik hat eine Schwester und die ist schließlich auch nicht zur Massenmörderin geworden.
Aber nichtsdestotrotz gibt es bei seiner Geschichte wohl viele, die dazu beigetragen haben, ihn zu dem Menschen zu machen, der er ist.


Das Buch kommt sehr gut ohne Effekthascherei aus und ist brilliant recherchiert. Es gibt viele sehr detaillierte Beschreibungen und man kann sich jede Situation sehr gut vorstellen. Am Ende des Buches legt Frau Seierstad all ihre Quellen offen und macht deutlich, dass sie jedes aufgeschriebene Zitat, ja jeden Gedanken, einem Protokoll oder Aussagen von Zeugen entnommen hat.


Die erste Hälfte des Buches baut dennoch eine konstante Spannung auf, was natürlich vor allem daran liegt, dass man als Leser weiß, worauf es hinaus läuft. Womit diese Spannung keinesfalls mit freudiger Erwartung sondern mit permanentem Grauen einhergeht. Als es an die Beschreibung seiner konkreten Vorbereitungen geht - vor allem den Bau der Bombe - wirken die Akribie und die oftmals geradezu langweiligen Tätigkeiten wie das Pulverisieren von Tabletten geradezu pervers konträr zu dem, was noch kommt.

Ab Seite 300 geht es dann um den 22. Juli 2011 und es wird wirklich schlimm. Ich kann es nicht anders sagen. Schon von den Ereignissen im Regierungsviertel von Oslo zu lesen, war wirklich schwer.
Ebenso von den anschließenden Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen der norwegischen Polizei. Von der Polizeiarbeit hatte ich zum Beispiel zu der Zeit, als die Nachrichten voll mit diesem schrecklichen Ereignis waren, gar nicht wirklich etwas mitbekommen. Es wurde nicht nur vielfach Hilfe von verschiedenen Stellen lange abgelehnt, es wurde auch lange Zeit keine genaue Beschreibung des vermutlichen Täters herausgegeben, obwohl schon sehr kurz nach dem Attentat ein Zeuge bei der Polizei ausgesagt hat. Ganz zu Schweigen davon, dass sich durch ein Missverständnis zunächst alle Einsatzkräfte am falschen Anleger sammelten oder dass die Boote mit Einsatzkräften zu voll waren und dadurch erst mal abgesoffen sind. Es wird genau beschrieben, wie viel Zeit vergeht und wie viele Menschen in der Zeit ihr Leben verloren haben.

Und ganz ehrlich? Die Beschreibungen von den Zuständen auf Utøya sind mit das Schlimmste, was ich je gelesen habe. Ich musste mehrfach aufhören und Pause machen und hab geheult wie ein Wasserfall. Nicht nur, dass man durch das Lesen einige Opfer etwas besser kennen gelernt hat. Auch von Situationen zu lesen, in denen verzweifelte Jugendliche ihre Eltern anrufen und diese dann am Telefon den Tod ihres Kindes mit anhören müssen, ist einfach schrecklich.
Oder von anderen Jugendlichen, die sich für ihre Freunde opfern.
Oder von der Tatsache, dass viele Breivik durch seine Polizeiuniform zunächst für die rettende Hilfe gehalten haben und auf ihn zugelaufen sind. Und wie kaltblütig er all diese Menschen ermordet. Grausam!

Ein paar Jugendliche standen wie angewurzelt da und schrien. Sie hatten den Blick fest auf ihn gerichtet, außerstande, davonzulaufen, zu flüchten, sich in Sicherheit zu bringen. Wie seltsam, dass sie einfach nur dastehen, dachte Breivik. Das habe ich im Film noch nie gesehen. 
Dann richtete er die Pistole auf sie.
Ein paar von ihnen flehten um ihr Leben "Bitte nicht schießen!"
Doch er schoss jedes Mal.

Im Nachwort schreibt Frau Seierstad, dass ausnahmslos alle Angehörigen die Texte zum Vorablesen bekommen haben, sofern sie das gewünscht haben. Und jeder Einzelne hat den Text gelesen und freigegeben. Keine Ahnung wie man so etwas als Angehöriger aushalten kann.

Das ist im Übrigen ein Gefühl, das gegen Ende des Buches auch immer stärker herauskam: Bewunderung für die Überlebenden und Angehörigen. Für die Norweger insgesamt, weil sie in diesen Tagen wirklich zusammen gestanden haben. Für den Ministerpräsident Stoltenberg, der sich in den ersten Tagen danach offenbar wirklich Zeit genommen hat für die Hinterbliebenen. Ganz große Bewunderung!

"Wir sind gebrochen, aber wir werden nicht aufgeben!"
Der Ministerpräsident trat auf die Bühne. Die Menschen hielten ihre Rosen in die Luft.
"Das Böse kann einen Menschen töten, aber es kann niemals ein Volk erobern."

Der letzte Teil des Buches befasst sich dann mit dem Prozess. Auch hier wird wieder deutlich, wie besonnen die Norweger diesen Prozess angegangen sind, auch  im Angesicht der Tatsache, dass Breivik seit dem Moment seiner Verhaftung ständig irgendwelche Forderungen gestellt hat. Er möchte bestimmtes Essen, er möchte gerne bei den Verhandlungen seine Polizeiuniform tragen, er möchte jeden Tag Zugang zu einem Computer. Ich stelle es mir sehr schwer vor, beim Umgang mit so eine, Häftling Geduld zu bewahren. Die große Frage während des Prozesses ist natürlich die Frage nach der Schuldfähigkeit. Unzählige Gutachter und Psychologen haben sich zu diesem Thema geäußert und jeder sagt etwas anderes. Ich für mich konnte keine klare Antwort auf die Frage finden. Einerseits denkt man natürlich, sowas kann nur ein völlig Durchgeknallter machen, andererseits ist Breivik ohne Zweifel intelligent und kann die Folgen seines Handelns durchaus einschätzen. Nur im Blick auf sich selbst hat er definitiv eine verzehrte Wahrnehmung.
Jedes Mal, wenn während des Prozesses sein Scheitern oder seine Unbeliebtheut erwähnt wird, wird er sichtlich nervös und bestreitet das sofort. 
Letztendlich kommt wohl der Psychologe Eirik Johannessen am nächsten an die Wahrheit heran.

Diese [Ambitionen] nicht zu erreichen, zu scheitern, war für ihn so schwer zu ertragen, dass es ihn weiter in den Extremismus trieb. Die Ideologie wurde zum rettenden Strohhalm für ihn.

Ich habe besonders in diesem letzten Teil gemerkt, dass ich definitiv nicht als Juristin getaugt hätte, weil ich es nicht schaffe, mich emotional davon ausreichend zu lösen. Ich habe mit jeder Seite nur mehr Ekel und Abscheu diesem Menschen gegenüber empfunden.
Der Anwalt von Breivik hat im Nachhinein auch ein Buch herausgebracht, in dem er erklärt, weshalb er sich zu diesem Mandat entschlossen hat. In einigen Kritiken steht, das Buch sei ein beeindruckendes Plädoyer für die Rechtsstaatlichkeit. Das möchte ich auch unbedingt noch lesen.

Zu dem Titel möchte ich gar nicht viel sagen, weil Åsne Seierstad diesen ebenfalls in ihrem Nachwort sehr gut erklärt. Er passt jedenfalls super, ebenso wie das Cover. Die Insel in der Mitte, eben als Mittelpunkt des Anschlags und das Weiß drum herum...man könnte es als Bild für die noch unschuldige Welt der vielen jungen Opfer sehen. 

Ich kann auf jeden Fall sagen, dass "Einer von uns" sehr tiefe Eindrücke bei mir hinterlassen hat und noch lange nachwirken wird. Es ist nichts für schwache Nerven, aber meiner Meinung nach uneingeschränkt zu empfehlen!

Würdest du das Buch erneut lesen? Ja!



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