Donnerstag, 20. April 2017

Das Labyrinth der Wörter - Marie-Sabine Roger


Klappentext: Germain Chazez ist eine Seele von Mensch, nur leider nicht der Schlaueste. Als er im Park Margueritte kennenlernt, wird sein Leben auf den Kopf gestellt. Denn die feinsinnige alte Dame beschließt, ihn für die Welt der Bücher zu gewinnen.

Meine Meinung: Dieses Buch lachte mir letztens aus dem Regal entgegen und hat mich quasi gezwungen, es rauszunehmen und zu lesen. Und das war gut so, denn die Geschichte ist zauberhaft. Für mich hat sie genauso eine schöne Leichtigkeit wie zum Beispiel "Chocolat" von Joanne Harris. Sie steckt voller kleiner Lebensweisheiten und ist dabei nicht belehrend. Im Gegenteil. Das Buch vermittelt einem das Gefühl, dass es völlig in Ordnung ist, wenn man nicht auf alles eine Antwort hat. Germain wurde als Kind von seiner lieblosen Mutter vernachlässigt und es hat sich einfach nie jemand ernsthaft darum gekümmert, ihm wirklich etwas beizubringen. So hat er sich immer so durchgeschlagen und sich alles, was er zum Leben wissen muss, selbst beigebracht (er ist zum Beispiel Experte im Gemüsegärten anlegen).
Allerdings blieben Dinge wie flüssig Lesen und vor allem Zusammenhänge bei längeren Texten verstehen auf der Strecke. Und ebenso das, was viele unter der sogenannten "Allgemeinbildung" verstehen. Germain hat dadurch regelrecht Angst vor Büchern. Und er ist auch nicht so gut in diesen gesellschaftlichen Verhaltensweisen und Höflichkeitsregeln. Er sagt geradeheraus, was er denkt und versteht den Sarkasmus seiner Freunde oft nicht. Dadurch eckt er an und wird schräg angeschaut oder sogar ausgelacht.

Irgendwann sitzt neben ihm im Park auf einmal Margueritte, eine alte Dame aus dem nahegelegenen Altenheim. Zuerst plaudern sie nur ein wenig, doch irgendwann bringt Margueritte ein Buch mit in den Park und beginnt, Germain vorzulesen. Für ihn ist sie die erste Person, die nichts von ihm verlangt, die ihn so nimmt, wie er ist. Und genau das motiviert ihn auf einmal, an sich zu arbeiten. Denn wie sich nach und nach heraus stellt, braucht nicht nur Germain Margueritte. Sie braucht ihn ebenso.
Ich sage immer, dass wir noch so ein gutes Abitur machen können, das hilft uns auch nicht immer. Wenn wir in Afrika eine Farm auf kargem Boden bewirtschaften sollten, uns im Dschungel zurechtfinden oder eine Wüste durchqueren müssten, wir wären ganz schön aufgeschmissen. Im Prinzip sagt dieses Buch dasselbe. Intelligenz ist relativ. Es ist nicht immer notwendig, berühmte Maler ihren Werken zuordnen oder Albert Camus zitieren zu können. Es kommt letztendlich vor allem auf soziale Intelligenz an.
Ganz toll finde ich außerdem, dass das Buch ermutigt, an sich zu arbeiten und vor allem, an sich selbst zu glauben. Mir gefällt der angesprochene Vergleich mir fruchtbarem Boden, der im Buch gemacht wird. Nur weil auf einem Stück Land grade nichts wächst, heißt das nicht, dass da nicht etwas wachsen kann, wenn man sich ein bisschen darum kümmert.

Zwischendurch setzt Germain, denn aus seiner Sicht ist die Geschichte erzählt, immer mal wieder die Definition aus dem Wörterbuch hinter ein Wort, das er benutzt. Er bekommt nämlich ein Wörterbuch von Margueritte geschenkt. Das macht ihn als Charakter irgendwie noch sympathischer und zeigt, wie stolz er auf das ist, was er neu dazu lernt.

Den Titel finde ich toll. Für Germain ist das Wörterbuch zu Beginn ein echtes Labyrinth, doch am Ende findet er heraus :). Und das Cover ist wunderschön und passend. Die beiden auf der Parkbank sind im Bild gut getroffen. So unterschiedlich eigentlich und doch so harmonisch zusammen.

Ein kleines Buch mit einem großen Statement gegen alle Klugscheißer und Besserwisser und Letztes-Wort-Haber dieser Welt. Viel Gelegenheit zum Schmunzeln und parallel schwingt immer die Liebe zur Literatur mit. Das Lesen hat mir sehr viel Freude bereitet.

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Sehr gerne. Das ist sicher eines dieser Bücher, die ich zwischendurch herausnehme, um mal wieder drin zu blättern. Auch Zitate habe ich ganz viele heraus geschrieben. :)

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