Montag, 19. September 2016

Die langen Tage von Castellamare - Catherine Banner

Klappentext: Castellamare, eine winzige Insel fünf Meilen vor der Küste Siziliens. Die Dorfgemeinschaft fühlt sich wohl, so am Rande der Welt. Als der Arzt Amedeo Esposito aus Florenz auf die Insel kommt, wird er misstrauisch beäugt. Er jedoch liebt seine neue Heimat und beginnt, ihre alten Legenden zu sammeln und aufzuschreiben. Eines Nachts hilft er bei zwei Geburten, das Kind seiner Frau und das Kind seiner Geliebten kommen auf die Welt. Dieser Skandal kostet ihn die Stelle. Um bleiben zu können, übernimmt er zusammen mit seiner Frau die einzige Bar auf der Insel, »Das Haus am Rande der Nacht«. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, denn die Bar soll ein Ort der Wunder sein. Sie wird der Mittelpunkt der Familie und der Insel – über mehrere Generationen hinweg, durch alle Kriege und Krisen hindurch, allen Veränderungen zum Trotz.

Meine Meinung: Mal wieder ein gewonnenes Buch. Und sogar ein gebundenes Exemplar, da freue ich mich immer besonders drüber. Ist eben doch ein bisschen hochwertiger. Die Leseprobe von dem kleinen Waisenjungen Amedeo, der seinen Platz in der Welt sucht und anfängt, Geschichten zu sammeln, hat mir sehr gut gefallen und so war ich gespannt auf seine eigene Lebensgeschichte. Nachdem er als junger Mann endlich eine Anstellung als Arzt auf der kleinen Insel Castellamare gefunden hat, fühlt er sich das erste Mal im Leben wirklich angekommen. Schon bald hat er das Vertrauen der Dorfbewohner gewonnen und zieht in das "Haus am Rande der Nacht". (Diesen Namen fand ich einfach grandios.) Bald lernt er Carmela kennen, die Frau des auf der ganzen Insel unbeliebten Comte. Sie ist eine einnehmende Frau und schon bald beginnt Amedeo eine Affäre mit ihr. Doch es dauert nicht lange, da verliebt er sich, und zwar in Pina. Er weiß, sie ist die Frau seines Lebens, sie will er heiraten. Er will die Affäre beenden, doch einen Tag vor der Hochzeit mit Pina schläft er ein letztes Mal mit Carmela. Neun Monate später kommen in einer Nacht seine beiden Kinder zur Welt. Das seiner Geliebten und das seiner Frau. Nach diesem Skandal steht die Ehe vor einer harten Zerreißprobe.

Doch nicht nur darum geht die Geschichte. Wie schon im Klappentext erwähnt, geht es um die Familie von Amedeo allgemein und zwar über Generationen hinweg. Zwei Weltkriege verschonen auch die kleine Insel nicht und allerlei Skandale, Konflikte, Liebschaften und Aufreger wollen bewältigt und gelebt werden. Die Personen, die man zu Beginn der Geschichte kennen gelernt hat, werden alt, die Kinder folgen ihnen und bringen andere Probleme, andere Leidenschaften mit. Ich lese so etwas sehr gerne. Meine Lieblingsfigur in diesem Buch ist Amedeos Tochter Maria Grazia, weil sie eine unglaublich starke Persönlichkeit ist. Außerdem find ich Concetta, den Wildfang der Insel, sehr erfrischend. Aber generell wachsen einem die vielen Dorfbewohner, alle mit rauher Schale und weichem Kern, mit der Zeit sehr ans Herz.
Amedeo, der schon als Kind Geschichten gesammelt hat, beginnt, die großen und kleinen Sagen und Legenden der Insel niederzuschreiben und ist mir nicht nur deswegen so sympathisch.

"In diesen ersten Herbstwochen begann er, eine systematische Studie über die Geschichten der Insel anzulegen, denn ihn hatte die Sorge befallen, sie könnten verloren gehen."

Die Tatsache, dass er in Geschichten eben nicht nur einen kurzen Zeitvertreib oder eine Zerstreuung sieht, dass er sie als etwas Wertvolles betrachtet... Toll! Vermutlich liegt der Ursprung darin in seiner einsamen Kindheit, in der Geschichten seines Ziehvaters ihm immer Halt gegeben haben. Und so sollte es auch im Erwachsenenalter und in schwereren Zeiten weiterhin für ihn sein.

"In der Innenseite seiner Uniform hob er sein Geschichtenbuch auf. Die goldene Lilie auf der Vorderseite nutzte sich ab, das Leder wurde matt. Geschichten aber, so stellte er fest, bezeugten, ähnlich wie das Foto, die Wahrheit, dass es noch eine andere Welt als diese gab."

Im Übrigen darf auch der Leser an diesen Geschichten teilhaben, denn zu Beginn eines jeden Kapitels kann man eine der Sagen und Legenden lesen. Eine wunderbare Idee, die sehr zum Lesevergnügen beiträgt.

Ein weiterer Aspekt, der mich während des gesamten Buches sehr fasziniert hat, ist die "Inselstimmung" (ich nennen es jetzt einfach mal so - Neologismus, yeah!), die wunderbar beschrieben wird. Castellamare ist klein und abgelegen und daher wirklich eine eigene kleine Welt, in der die Zeit langsamer vergeht und in der man sich schwer tut mit Veränderungen.

"Maria Grazia staunte, dass ihre Söhne auf derselben Insel, auf der sie Schnecken gesammelt und Zichorien gemahlen hatte, auf der Robert mit hohem Fieber an Land gespült worden war, als es kein Penicillin gab, mit ansehen sollten, wie Menschen ins All katapultiert wurden. Doch da sie die Außenwelt nur in Bepes Fernsehapparat und auf Zeitungsartikeln sah, fiel es ihr schwer, sich nicht jeden anderen Teil der Welt außer Castellamare in schwarz-weiß vorzustellen."

Allen Menschen, die zum ersten Mal auf die Insel kommen, erscheint sie daher etwas befremdlich und teilweise auch magisch. Genau so spannend finde ich den ständigen Konflikt vieler Inselbewohner, sich zwischen Fortgehen und Dableiben zu entscheiden. Oft fühlen sie sich durch die Insel und die neugierigen Dorfbewohner eingeengt, andererseits packt sie die Sehnsucht, sobald sie einige Zeit fort sind. Ich selbst hatte nach dem Lesen das Gefühl, als hätte ich eine Zeit lang auf Castellamare gelebt und als würde ich gerne mal wieder dorthin zurückkehren. Und wenn es nur für einen Kaffee im Haus am Rande der Nacht wäre. ;)

Das Cover des Buches gefällt mir sehr gut, es weckt Erinnerungen an vergangene Zeiten. Ganz so, als gäbe es zu dem Bild eine Geschichte zu erzählen (bestimmt steht eine passende in Amedeos Buch ;)). Der Titel passt eben so gut, für mich ist er vor allem eine Anspielung darauf, dass die zeit auf der Insel für die Bewohner irgendwie anders verstreicht. Manchmal fragen die Bewohner sich, wohin die letzten Jahre verschwunden sind und dann zieht sich ein Nachmittag in dem heißem, staubigen Wetter und  der flirrenden Luft wieder wie Kaugummi.

Kein Pageturner, aber diesen Anspruch hat das Buch nicht. Hier wird nichts anderes als das Leben selbst eingefangen. Mal laut und aufregend, mal ruhig und gemächlich. Mal himmelschreiend ungerecht, mal zu schön um wahr zu sein. Ein sehr bodenständiges Buch, eine authentische Familienchronik, wunderbar zu lesen.

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Ja

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