Sonntag, 3. April 2016

Couchsurfing im Iran - Stephan Orth

"Wer die Welt über die "Tagesschau" kennen lernt, verschubladet sein Unterbewusstsein mit Bildern von Extremen: Afrikaner hungern, Afghanen verüben Selbstmordattentate, Chinesen plagiieren, und Iraner mit Bärten tüfteln an Atombomben. [...] Zuschauer vergessen leicht, dass die Realität in jedem Land zehntausendmal vielfältiger ist, als sie gezeigt wird."


Klappentext: Eine Bikiniparty in der Pilgerstadt Mashhad, eine Übernachtung neben dem Atomkraftwerk Bushehr, ein Sadomaso-Geheimtreffen in Teheran: Im Iran erlebt Stephan Orth Abenteuer, die kein Reiseveranstalter jemals in seinen Katalog schreiben würde. Als Couchsurfer tauscht er Hotel gegen Privatquartier und lernt das Land so von seiner ganz privaten Seite kennen. Denn hinter verschlossenen Türen fällt der Schleier und mit ihm die Angst vor den Sittenwächtern. Ob beim Rotwein-Besäufnis mit einem persischen Prinzen oder bei einem Wohnzimmer-Date mit versammelter Großfamilie, im stinkenden Schmugglerbus oder im rasenden Kleinwagen: Jede neue Begegnung fügt sich als Puzzleteil ein in das Gesamtbild eines Landes, dessen Realität komplett anders ist, als die Klischees vermuten lassen. Und schließlich werden noch zwei der letzten Geheimnisse aufgedeckt: wie die Einheimischen es anstellen, in einer Apotheke Wodka zu kaufen – und warum sie die unsägliche Popgruppe Modern Talking so lieben. Ein mitreißend erzähltes Buch über die kleinen Freiheiten und großen Sehnsüchte der Iraner.

Meine Meinung: Seit ich dieses Buch zum ersten Mal in der Mayerschen erblickt habe, wollte ich es unbedingt haben. Ich finde andere Kulturen total spannend und habe in den letzten Jahren immer mehr das Bedürfnis, besonders über den Nahen Osten mehr zu erfahren. Ich möchte verstehen, Vorurteile bestätigt bekommen oder noch viel besser: Vorurteile abbauen! Dieses Buch schien mir für dieses Vorhaben gut geeignet!
Mal ganz abgesehen davon, dass ich bei dem Titel direkt denken musste "Geht das überhaupt? Darf man couchsurfend durch den Iran reisen?"
Nun war der Osterhase so nett, und hat mir das Buch vorbei gebracht. Ich habe es sofort gelesen und mittlerweile liegt es bei meinem Papa auf dem Nachttisch, denn der interessiert sich auch sehr dafür.

Nach dem Lesen kann ich euch nur sagen: Kauft euch dieses Buch. Vor allem wenn ihr reisebegeistert seid, andere Länder und Kulturen spannend findet oder einfach mehr über den Iran wissen wollt. Ich muss nämlich gestehen, dass ich mich von dem Zitat ganz oben ziemlich angesprochen gefühlt habe. Natürlich ist mir irgendwie klar, dass z.B. nicht alle Afrikaner hungern, aber dennoch ist es ein vorherrschendes Bild in meinem Kopf und das wird dem Land und den Leuten einfach nicht gerecht. Genau so habe ich beim Iran tatsächlich nur an verschleierte Frauen und an Männer mit Turban und langen Bärten gedacht (die Atombomben kamen immerhin erst an dritter Stelle :P).
Nach dem Buch habe ich auf jeden Fall ein völlig anderes Bild im Kopf. Stephan Orth nimmt uns mit auf eine Reise, die zum größten Teil fernab von den Touristenattraktionen stattfindet. Ein Großteil passiert hinter verschlossenen Türen und es geht hier auch nur sekundär um schöne Landschaften und um möglichst viele Fotos an möglichst berühmten Orten. Es geht um die Einwohner eines Landes mit einer sehr bewegenden Geschichte. Es geht um Mentalität, um Träume, um die Kunst, ein glückliches Leben zu führen. Genau so geht es um den Frust einer unterdrückten Bevölkerung und den Spagat zwischen Lebensfreude und Resignation.
In dem Buch folgen wir Stephan chronologisch auf seiner Reise, die vor allem von Spontaneität geprägt ist. Er hat ein paar Eckpunkte geplant, aber wann er wo genau mit wem sein wird, weiß er nicht. Er hat ein paar Handynummern im Handy gespeichert und will sich auf seiner Tour vor allem von seinen Gastgebern leiten lassen.

Die meisten Gastgeber kennt er nur von kurzen Chats aus dem Internet oder aber er kennt sie gar nicht, weil sie ihm nur als spontaner Kontakt vermittelt werden. Dadurch lernt er ganz unterschiedliche Menschen kennen, die eigentlich nur eines gemeinsam haben: Sie sind alle unglaublich gastfreundlich. Das ist anscheinend eine Eigenschaft, die 99 % aller Iraner eint.

"Ich habe auch gespürt, wie gut es jedem Einzelnen tut, zu hören, dass die Iraner toll sind. Die Perser sind sehr stolz auf ihre Heimat, wissen aber auch, was für eine fürchterliche Presse ihr Land auf der ganzen Welt hat. Jeder Besucher, der zeigt, dass er einen Unterschied zwischen Bürgern und Regierung erkennt, tut etwas für das Selbstvertrauen eines viel verschmähten Volkes.
Das ist auch der Grund, warum ich auf die Frage, ob man in ein Land reisen darf, mit dessen politischer Führung man nicht einverstanden ist, für mich eine eindeutige Antwort gefunden habe. Es gibt keine schlechten Orte, wenn du reist, um Menschen zu treffen."

Stephan Orth erlebt mit jedem von Ihnen kleine Abenteuer und während er von Planungen für eine BDSM-Party, vom nächtlichen Angeln, von Verhören auf iranischen Polizeistationen und vom Krokus-Pflücken berichtet, kommt er völlig ohne Effekthascherei aus. Das war nämlich auch etwas, was mir recht bald aufgefallen ist. Ich hatte nie den Eindruck, dass hier eine Situation ausgeschmückt wurde, nur um mehr Spannung zu erzeugen. Das ist mir bei Büchern, die über persönliche Erlebnisse berichten, immer besonders wichtig.

Am allermeisten muss ich aber die vollkommene Objektivität von Herrn Orth loben. Obwohl er den Iran als Land sehr gerne mag und dort immer wieder auf tolle Leute trifft, verliert er nie den Blick für die Gesamtsituation. Zum Beispiel sagt er ganz deutlich, dass alle Menschen, bei denen er wohnen durfte, sehr aufgeschlossen und modern seien, dass ihm aber natürlich auch bewusst ist, dass er nur bei einer bestimmten Gruppe Mensch zu Gast ist. Nämlich den aufgeschlossenen Leuten, die im Internet vernetzt sind, die gebildet sind und die Interesse an der Welt haben.
Er beschönigt auch nichts. Immer mal wieder kommen die Gespräche mit seinen Gastgebern und iranischen Freunden auf die aussichtslose Lage für viele Iraner. Gut ausgebildete Menschen bekommen trotzdem keine Arbeit, Frauen sind immer noch das Eigentum eines Mannes und ohne ihn folglich auch nichts wert, ein Mann kann keine Frau heiraten ohne steinreich zu sein etc.
Genau so erzählt er von der ständigen, unterbewussten Angst vor der Regierung, denn überall wird man kontrolliert, abgehört und scharf im Auge behalten. Allein sein Visum verlängert zu bekommen ist immer wieder ein riesen Akt aus Lügen und aus Angst. Denn schon ein Mensch mit einer Kamera in der Nähe eines Atomkraftwerkes ist sofort als Spion verdächtig.

"Wer denkt, der Iran sei ein durch und durch prüdes Land, liegt weit daneben. Sehr detailliert wird in religiösen Fernsehsendungen etwa über die Qualen männlicher Enthaltsamkeit gesprochen. Der Mann wird dabei als wildes Tier gesehen, dessen sexuelle Energie sich kaum kontrollieren lässt. Eine für Y-Chromosomenträger äußerst komfortable Sichtweise, denn wenn so die Natur ist, liegt es an der Frau, ihn nicht zu reizen. Tut sie es dennoch, ist sie selbst schuld an den Konsequenzen. Die naheliegende Frage, warum solche leicht korrumpierbaren Bestien überall das Sagen haben sollen, wird in der Islamischen Republik nicht gestellt."

Alles, was Spaß macht, ist verboten. Das bedeutet aber nicht, dass die Iraner keinen Spaß haben. Sie bauen sich Brücken und das wahre Leben findet im Verborgenen statt, hinter verschlossenen Türen. Erst dort fallen - vor allem für die iranischen Frauen im wahrsten Sinne des Wortes - die Schleier. Man kann das traurig finden, man kann wütend sein....aber auf jeden Fall muss man die Iraner für ihre Kunst, das Leben trotzdem zu feiern, bewundern.
Und in dem Buch lese ich auch immer wieder kleine Hoffnungsschimmer heraus. Zum Beispiel schließen mittlerweile viele junge Iraner bei der Hochzeit einen Ehevertrag ab, der zumindest dafür sorgt, dass die Frau nicht völlig ohne Rechte zurückbleibt. Gleichzeitig kommen immer mehr Touristen in den Iran, was dem Land sicherlich früher oder später Aufschwung verschaffen wird. Und zu guter Letzt ist der Anteil der Leute um die 30 so groß wie noch nie. Fast alle jungen Leute sind - illegal natürlich - bei Facebook, Youtube und WhatApp unterwegs und immer mehr sehnen sich nach einem freien Iran. Nach einem Land, in dem man nicht mehr verhaftet wird, wenn man tanzend ein Youtube-Video dreht.
Genau diese kleinen Dinge haben wir mal wieder Hoffnung gegeben. Hoffnung darauf, dass auch ein Land wie der Iran vielleicht irgendwann einen Schritt in Richtung Freiheit gehen kann.

Als kleinen Bonus sind natürlich jede Menge Bilder von der Reise in dem Buch zu finden. Außerdem werden auch immer mal wieder die kurzen WhatsApp Gespräche zwischen Stephan Orth und seinen zukünftigen Gastgebern abgedruckt. Und diese geben, zusammen mit vielen anderen Kleinigkeiten, auch sehr oft Anlass zum Schmunzeln. :)

Würdest du dieses Buch erneut lesen? Definitiv! Und ich werde mich jetzt verstärkt darum bemühen, mehr von so wunderbarer Reiseliteratur in meine Regale zu bekommen.

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