Sonntag, 15. November 2015

Über einen 90. Geburtstag und warum Hoffnung nie sterben darf

Wisst ihr, was ich Freitagabend gemacht habe? Ich habe mit Tommy zusammen das Wer wird Millionär Jackpot Special geschaut und nebenher gebrannte Mandeln für Onkel Friedhelm gemacht (er ist eigentlich nicht mein Onkel, sondern der meines Vaters...aber der Einfachheit halber nennen wir ihn alle so). Der Gute ist nämlich am 12.11. sagenhafte 90 Jahre alt geworden und hat auch die ganze Bochumer Familie zur Feier nach Minden eingeladen. Ich liebe Familienfeiern und besonders Onkel Friedhelm und seine Frau Christa mochte ich schon immer sehr gerne. Ich sehe sie aufgrund der Entfernung nur sehr selten und wollte sie schon lange unbedingt mal wieder sehen. Außerdem hab ich mich auf Antonia und Norman gefreut. Toni ist die Enkelin von Friedhelm und wir haben uns vor ziemlich genau 15 Jahren auf der Feier zu seinem 75. Geburtstag kennen gelernt. Wir sind nicht nur irgendwie verwandt, wir haben uns auch sofort total gut verstanden, schreiben uns seitdem Briefe und besuchen uns immer mal wieder gegenseitig. Es gab also jede Menge Grund zur Freude und ich war Freitag Abend gut beschäftigt. Nicht zuletzt hab ich seit ein paar Tagen Halskratzen und Dementsprechend sind wir recht früh schlafen gegangen und haben nichts mehr von der Welt mitbekommen.

Als wir dann gestern Morgen gegen 7 Uhr vom Wecker wach wurden, ging Tommy rauchen, kam wieder rein und sagte sofort mit Blick auf sein Handy "Ach du Scheiße! Gestern gab es sieben Terroranschläge in Paris." Ich musste sofort an die Bombendrohung denken, von der ich gestern im Büro schon gehört hatte, war völlig schockiert und wir haben schnell den Fernseher angemacht. Dort haben wir dann nicht besonders viele Infos bekommen, aber dennoch genug, um völlig fassungslos vorm Fernseher zu sitzen. Terroristen haben in Cafes, in der Nähe des Stadions von Paris Sprengsätze gezündet und vier Terroristen sind in den Club Bacatlan eingedrungen, wo grade die Eagles of Death Metal ein Konzert gaben und haben wild um sich geschossen und sich selbst in die Luft gesprengt. Allein dort wurden über 100 Menschen getötet. Ich weiß nicht, was ich zuerst gedacht habe. 
Schon wieder Frankreich.
Ein Rockkonzert.
Ich oder Freunde hätten genau so gut in dem Club sein können.
Was wäre gewesen, wenn die Terroristen ins Stadion gekommen wären?
Was heißt das bloß für die Flüchtlingsdebatte?
Geht es heute weiter mit Anschlägen?
In was für einer Welt leben wir bloß?
Das und zig andere Gedanken flogen durch meinen Kopf und ich musste wirklich ein paar Tränen runterschlucken.
Und dann? Ja dann haben wir uns fertig gemacht und mussten meine Eltern abholen. Es war sehr seltsam. Natürlich haben wir auch mit meinen Eltern drüber gesprochen und ich hatte mein Ipad mit um zwischendurch weitere Nachrichten zu lesen, aber viel Neues kam noch nicht heraus. Einerseits war die Fahrt lustig...wir haben über alles Mögliche gequatscht und uns auf die Feier gefreut und andererseits wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich immer mehr Schlechtes tut auf der Welt.
Wieso? Vielleicht, weil seit Monaten riesige Flüchtlingsströme nach Europa ziehen. Vielleicht, weil sich das Land immer mehr spaltet an der Frage, wie man damit umzugehen hat. Vielleicht, weil der IS präsenter und präsenter wird und ich das Wort "Glaube" bald nicht mehr hören kann. Dabei hat das alles mit Glauben einfach nichts zu tun. Wahnsinn trifft es eher.
Spätestens seit gestern Abend bekannt wurde, dass einer der Terroristen anfang Oktober als Flüchtling registriert wurde, mache ich mir zunehmend Sorgen. Es ist das eingetreten, wovor viele seit Wochen warnen und Angst haben. Ich selbst habe auch nie bestritten, dass mit der Flüchtlingswelle auch Terroristen nach Europa kommen können und werden. Ich glaube auch nicht, dass es der letzte Terrorangriff dieser Art sein wird.
Ich glaube aber genau so fest, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann und darf. Es ist nicht jeder Deutsche ein Nazi, es ist nicht jeder Amerikaner ein Waffennarr, es ist nicht jeder Flüchtling ein Terrorist. Im Gegenteil sind es immer kleine Minderheiten, die den Rest mit in den Dreck ziehen. Wir müssen die Augen aufmachen und differenzieren. Und es ist leider einfach Fakt: die meisten Flüchtlinge fliehen vor genau dem, was gestern in Paris geschehen ist. Und egal wie gut wir aufpassen, wer in unser Land kommt (da müssen wir so oder so genauer hinschauen), man kann solche Anschläge nie zu hundert Prozent ausschließen. Es wird immer Menschen geben, die vorher einfach nie in Erscheinung getreten sind, die nie auffällig waren. Leider. 
Ich glaube nach wie vor, dass der Großteil der Menschheit in Frieden leben will, in Freiheit. Dieses Ziel dürfen wir nie aus den Augen verlieren.
All das hilft den Angehörigen der gestrigen Opfer leider überhaupt nicht....ihnen kann man einfach nur Kraft und Halt und genug Willensstärke wünschen, das irgendwie irgendwann zu verarbeiten. 
In diesen Stunden hoffe ich immerhin, dass sie mitbekommen, dass viele Menschen an sie denken. Genau wie an all die anderen Terroropfer aus allen anderen Ländern...

Und ich denke, wie so oft, dass ich dankbar bin für jeden lieben Menschen, den ich um mich habe.
Natürlich wurde auch bei der Feier gestern über die Attentate gesprochen, aber nicht viel. Jeder war sicher froh, dass mal ein paar Stunden zu vergessen. Und auch dafür bin ich dankbar....dass ich sowas überhaupt noch ausblenden kann. Es gibt so viele Menschen, die direkt davon betroffen sind und die Gedanken daran niemals ausblenden können. Welch ein Luxusleben ich doch führe! 
Es gab gutes Essen, viele Ständchen, weil Onkel Friedhelm und Tante Christa seit Jahren im Chor sind, schöne Reden und eine Diashow. Bilder aus 90 Jahren Leben eines Menschen, der den zweiten Weltkrieg erlebt hat und Kriegsgefangener in Russland war. Als ich seinen Erzählungen dazu lauschte, war einer meiner Gedanken, dass ich nur hoffen kann, dass weder wir noch unsere Kinder einen dritten Weltkrieg erleben müssen....besonders eben vor den aktuellen Geschehnissen. Es war sehr interessant, ihm zuzuhören. 
Und viel öfter war es außerdem echt lustig. Es waren natürlich auch bilder meiner verstorbenen Großeltern dabei und es gab auch viele schöne und amüsante Anekdoten. Es war ein toller Nachmittag. Toll mit der Familie, toll mit den älteren Leutchen und toll mit Toni und Norman. Nur viel zu kurz, wie immer.



Auf der Heimfahrt war es dann schon dunkel und ich habe viel nachgedacht. Was wäre denn, wenn alle nun aufhören würden, an das Gute im Menschen zu glauben? Wenn niemand mehr anderen Menschen helfen möchte? Wenn niemand mehr Hoffnung auf eine schöne Welt hätte? Auf Frieden? Dann würde niemand mehr kämpfen, sich niemand mehr für bessere Bedingungen einsetzen. Das wär der Anfang vom Ende.

Die größte Schwäche der Menschen ist, dass wir hassen können, verzweifelt sein können, neidisch sein können, uneinsichtig sein können. Die größte Stärke hingegen ist, dass wir lieben, verstehen und hoffen können. Auf die guten Eigenschaften müssen wir uns besinnen.

"Die Hoffnung stirbt zuletzt." sagt man. Für mich wird der Satz immer bedeutender.

Verzeiht, wenn der Text etwas wirsch ist. Ich vermische Schönes mit Traurigem, aber genau so war es gestern. Vermischt. Und wenn mir so viel im Kopf herumschwirrt, hilft mir Aufschreiben immer. Da müsst ihr durch. 
Um es mit den Worten von Reckless Love zu sagen, die natürlich auch - wie viele andere Bands aus der Metal Szene - ein Statement gepostet haben: Hold your dearest close tonight and everyday in the future. Be good to each other, make them smile. Our thoughts go with the people of Paris, France. 

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