Montag, 17. August 2015

Und der Duft nach Weiß - Stefanie Gregg


Klappentext: Kalt, eiskalt ist es im Laderaum des Lastwagens. Als Anelija endlich aussteigen kann, spürt sie ihre Finger nicht mehr. Doch sie hat die Flucht über die Grenze überlebt - sie ist in Deutschland. Und es duftet nach Weiß, ganz anders als in ihrer bulgarischen Heimat, wo nicht nur Staub in der Luft liegt sondern auch die ständige Angst, verraten, verhaftet und gefoltert zu werden, weil man den falschen Radiosender hört. Jetzt, im Sommer 1987, ist Anelija endlich der bedrückenden Enge entflohen. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter, die sie in der Obhut der Großmutter zurückließ, als Anelija gerade einmal fünf Jahre alt war ...

Meine Meinung: Mensch, da habe ich doch glatt vergessen, dieses Buch zu rezensieren und wurde nur durch die Mail von Vorablesen wieder daran erinnert. Manchmal bin ich eben ein Schussel.
Wie ihr euch aber jetzt sicher denken könnt, habe ich dieses Buch gewonnen.Nach der Leseprobe war ich mir noch nicht so sicher, ob das Buch etwas für mich ist. Es geht um die kleine Anelija, die in Bulgarien mit ihren beiden Babas und ihrer Mutter Nadja lebt. Als Anelija 5 Jahre alt ist, geht ihre Mutter ohne ein Wort des Abschieds nach Deutschland und lässt ihre Tochter und die beiden Babas im kommunistischen Bulgarien zurück. Anelija versteht das alles nicht richtig und in den folgenden Jahren wird ihre Sehnsucht nach ihrer Mutter immer größer. Von der kommen nur sehr unregelmäßig Briefe, die von Deutschland erzählen und von dem besseren Leben, das man dort hat.
In Bulgarien wird das Leben für Anelija hingegen immer schwerer, auch wenn ihre Babas sich sehr gut um sie kümmern. In der Schule wird ihr und ihren Mitschülerin Gehorsam und Obrigkeitshörigkeit eingetrichtert, in den Ferien muss Anelija ins Arbeitslager und obwohl sie die beste Schülerin ist, wird ihr ihr Studienfach vorgeschrieben. Schließlich beschließt sie, nach Deutschland zu fliehen.
Doch auch dort ist das Leben in vielerlei Hinsicht überhaupt nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat.
Nach dem Mauerfall besucht sie nach 7 langen Jahren zum ersten Mal wieder ihre Babas und schließlich fährt sie mit ihrem Freund auch nochmal nach Bulgarien und erzählt ihm auf der Fahrt dorthin endlich ihre Geschichte.

Als kurze Nebenstory erfährt man außerdem einiges aus dem Leben des Schriftstellers Markow. Dieser hat tatsächlich gelebt und war Schriftsteller und ein bekannter Kritiker des bulgarischen Kommunismus. Er wurde 1978 bei dem sogenannten Regenschirmattentat vom bulgarischen Geheimdienst umgebracht. Dieser hatte einen Regenschirm so präpariert, dass beim Anrempeln der Zielperson eine winzige Kugel mit dem hochgiftigen Rizin aus der Spitze des Regenschirms in den Körper gelangt.

Das Buch ist sehr einfühlsam geschrieben. Ich habe Anelija und die beiden Babas sofort fest in mein Herz geschlossen, denn trotz all der Widrigkeiten, denen sie sich in ihrem Leben stellen müssen, haben sie nie den Kampf- und Lebenswillen verloren. Während man liest, spürt man fast selbst die ständige unterschwellige Angst, die das bulgarische Volk und auch alle anderen Bewohner kommunistischer Länder zu dieser Zeit (und sicherlich auch heute noch teilweise) verspürt hat. Ich habe mich schon während der Jahrhundertsaga von Ken Follet mit dem Thema befasst und fand es auch hier wieder absolut unglaublich, was der Kommunismus alles angerichtet hat. Dass in diesem Hinblick eben auch ein reales Ereignis - das Regenschirmattentat auf Markow - beschrieben wird, hat mir sehr gut gefallen. Es verleiht dem Buch noch mehr Authentizität, als es eh schon hat.
Ich hatte vorher weder von Markow noch von dem Attentat gehört, ich konnte also noch was lernen :).

Als Anelija vom ärmlichen Bulgarien in das reiche Deutschland kommt und auf ihre verwöhnte Mutter trifft, wird außerdem ganz hervorragend die Kritik an der Verschwendungssucht und der Konsumgesellschaft der westlichen Länder deutlich.

Am besten hat mir aber eigentlich gefallen, wie subtil aufgezeigt wird, dass es wichtig ist, auf seine Mitmenschen Acht zu geben und zu helfen, wenn man kann. Anelija trifft im Laufe ihres Lebens immer mal wieder auf unerwartete Hilfe, sei es von ihrer Lehrerin, von der Köchin im Arbeitslager oder von ihrem Onkel oder ihrem Stiefvater. Es sind mal größere, mal kleinere Hilfen, aber immer bringen sie Anelija weiter und für mich heißt das nur mal wieder: Augen auf im Leben. Schon eine kleine Geste oder Hilfe kann anderen Leuten wirklich den Tag oder noch viel mehr retten.
Uns geht es hier so gut in diesem demokratischen Land, dass wir fast nur noch über Luxusprobleme jammern und dabei könnten wir so viel abgeben, von dem was wir haben.
Ich nehme mich selbst da nicht raus.

Der Titel passt perfekt, denn die Farbe Weiß steht für Anelija für Deutschland, für Freiheit, für Sauberkeit, für alles, was ihr Bulgarien vielleicht nicht bieten kann. Es ist ihr Symbol für ihre Sehnsucht. Das Cover hingegen finde ich etwas ideenlos.(Übrigens hab ich das Buch als E Book gewonnen, daher kein richtiges Foto)

Das Buch ist anrührend, politisch korrekt, es hängt einem nach, stimmt nachdenklich und ist sicherlich nicht die leichteste Kost, aber trotzdem sehr gut zu lesen.

Kommentare:

  1. Danke für diese tolle Rezension - ich freue mich sehr darüber!
    Stefanie Gregg

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    1. Oh wow...ich hätte nie gedacht, dass mal die Autorin eines Buches meine Rezensionen liest :) Ich fühle mich geehrt! Und bitte bitte :) Das Buch hat mir einfach sehr gut gefallen! Liebe Grüße

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  2. Vielen Dank für diese tolle Rezension!
    Ich freue mich sehr darüber!
    Stefanie Gregg

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