Montag, 13. Juli 2015

Die seltsame Reise mit meinem Bruder - Renée Karthee


Klappentext: Nelly weiß, der Tag wird kommen. In zehn Jahren ― oder zwanzig. Doch dass er so schnell kommen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Und alles nur, weil ihre Mutter beim Säubern der Dachrinne gestürzt ist. Ausgerechnet zwei Tage vor der Reise nach England zu einer Hochzeit. Nelly muss sich kümmern. Wohl oder übel. So findet sie sich wieder im Dorf ihrer Kindheit, wo ihr autistischer Bruder Nils mit gepacktem Koffer auf sie wartet. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Eine Reise, die Nelly alles abverlangt. Bei der sie Geduld braucht, das Glück kennenlernt, zuviel Gin Tonic trinkt und am Ende kapiert: Wenn hier jemand nicht normal ist, dann sie.
Meine Meinung: Es wundert mittlerweile sicherlich niemanden mehr, wenn ich sage, dass das hier auch wieder ein gewonnenes Exemplar ist. Ich habe die Leseprobe wirklich inhaliert, so toll fand ich sie schon. Nelly war mir unglaublich sympathisch und ehrlich und ich konnte mich in soo vielen Dingen mit ihr identifizieren.Sie betreibt mit ihrem indischen Nachbarn Ashok einen Foodtruck, sie liebt ihren Job und das ist auch ihre einzige Liebe. Sie selbst beschreibt sich als beziehungsunfähig und sucht auch momentan nicht nach einer. Eines Tages steht ein anderer Food-Truck auf ihrem Platz und stiehlt ihnen mit Pulled Pork Burgern die Show und die Kunden. Als wäre das nicht schlimm genug, ruft auch noch ihre Mutter an. Sie hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus und Nelly muss so schnell wie möglich kommen und sich so lange um ihren Bruder kümmern, bis die Mutter wieder fit ist. 
Genau davor hatte Nelly sich all die Jahre gefürchtet.Ihr Bruder ist zwar zehn Jahre älter als sie, allerdings ist er durch Probleme bei der Geburt eingeschränkt. Er hat stark autistische Züge und ist auch körperlich einfach nicht so weit, wie andere in seinem Alter. Genau deshalb musste Nelly in ihrer Kindheit immer Rücksicht nehmen. Ihr Vater hat sich irgendwann aus dem Staub gemacht und auch Nelly hat möglichst bald die Flucht ergriffen. Doch nun holt die Vergangenheit sie wieder ein, sie muss Ashok mit dem Truck alleine lassen und zu Nils fahren. Nelly ist hin und hergerissen zwischen Mitleid mit ihrem Bruder und ihren angespannten Nerven, die ihr Bruder zusätzlich reizt. Der erzählt ihr bei ihrer Ankunft, dass sein größter Wunsch ist, trotz des Unfalls der Mutter, nach England zu fahren, Dort waren er und seine Mutter nämlich auf eine Hochzeit eingeladen.
Spontan beschließt Nelly, entgegen ihrer Pläne mit Nils zur Hochzeit zu fahren. Und diese Reise ist definitiv mehr als außergewöhnlich.
In jeder Hinsicht ein großartiges Buch. Es geht los mit Ashok, der immer indische Weisheiten auf den Lippen hat und weiter mit den großartig geschriebenen Rezepten, die am Ende jedes Kapitels zu finden sind. Da Nelly nicht nur Köchin ist, sondern auch leidenschaftlich gerne isst, kommt in jedem Kapitel mindestens ein Gericht zur Sprache und davon wird später das Rezept dazu gegeben :) Tolle Idee. Und mir läuft jedes Mal das Wasser im Mund zusammen.
Nicht zuletzt ist da eben noch Nils. Ich bin begeistert von der Einfühlsamkeit, mit der über ihn geschrieben wird. Manchmal hat er auch mich zur Weisglut gebracht und mindestens genau so oft zum Schmunzeln. Das Buch zeigt auf ganz wunderbare Art, dass man nicht immer normal (nach gesellschaftlichem Maßstab) sein muss, um glücklich zu sein.Nicht zuletzt Nelly realisiert, dass Nils gar nicht so komisch ist. Er hat einfach andere Vorstellungen vom Leben. Und letztendlich erlebt sie mit ihm eine kulinarische Reise durch England, eine turbulente Hochzeit und außerdem öffnen sich auf einmal völlig neue Zukunftsperspektiven.
Kauft euch dieses Buch! Es macht hungrig, hat Wortwitz und macht glücklich!
Und um euch zu zeigen, was ich meine, tippe ich einfach mal noch das Rezept ab, das auch in der Leseprobe zu sehen war :)

"Rezept für Ciabatta-Brötchen mit Pesto, Parmaschinken und Parmesan:
Teilen Sie die Börtchen in zwei Hälften. Die eine Hälfte mit grünem Pesto bestreichen. Kann man natürlich fertig kaufen, so gut wie alles kann man fertig kaufen. Wir leben schließliche im Jahr 2015, da kriegt man sogar Klopapier und Kondome nach Hause geliefert. Beides müsen Sie nicht selbst herstellen, sollten es sogar lieber lassen. Aber im Fall von grünem Pesto gilt nur eins: Selbst gemacht ist die halbe Miete. Wie? Gutes Olivenöl, Basilikum, geriebener Parmesan, geröstete Pinienkerne, etwas Meersalz und gemahlener schwarzer Pfeffer. Mehr braucht es nicht. Alles in einen Mixbecher, den Zauberstab rein - fertig. Die zweite Brötchenhälfte kriegt eine fette Party mit Aioli spendiert (auch hier gilt: selbst machen!). Greifen Sie wieder zu MNixbecher und Zauberstab, geben Sie ein Eigelb, Salz und Pfeffer hinein und unter ständigem Rühren tröpfchenweise 200 Milliliter Olivenöl dazu. Schon haben Sie den Salat. In Form einer samtigen Mayonaise, die nur noch ein bisschen Zunder braucht. Pressen Sie zwei bis drei Knoblauchzehen aus, ein wenig Senf oder Zitronensaft dazu - erledigt. Die meiste Arbeit haben Sie jetzt hinter sich. Nun belegen Sie die Pesto-Hälfte mit ein paar gewaschenen und gerupften Rucolablättern (Stiele ab! Wer die Stiele am Rucola lässt, isst auch frisch gemähtes Gras), jeweils einer Scheibe Büffelmozarella und Ochsenherztomate, die Aioli-Seite mit Parmaschinken und ein paar just gehobelten Parmesanspänen. Darauf etwas Olivenöl, ein feines Rinnsal Balsamico-Sirup, vielleicht noch ein vor Chlorophyll strotzendes Basilikumblatt, gemahlenen Pfeffer on top, und dann je nach Typ genießen, schwelgen, dahinschmelzen oder zackig, knackig zermahlen und kauen. Was man zum Verzehr braucht? Ein paar Papierservietten und eine ordentliche Kieferspannbreite, um ungehemmt zuzubeißen. Man könnte auch sagen: eine ziemlich große Klappe."

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