Donnerstag, 23. April 2015

Musik öffnet Schleusen

Heute Vormittag war ich mit meiner Mama und meiner Oma auf einer Beerdigung. Meine Nachbarin und sehr gute Freundin von meiner Oma ist Anfang April gestorben. Ich kann nicht sagen, dass ich sie sehr gut kannte, aber sie hat öfter zu meinem Geburtstag Torten gebacken (sie war gelernte Konditorin) und natürlich hab ich öfter mit ihr gequatscht, wenn wir uns mal getroffen haben. Sie war eine ganz tolle und liebenswerte Frau. Und da ich Urlaub habe, fand ich, meine Oma könnte ein bisschen seelischen Beistand gebrauchen. Außerdem weiß ich noch, wie sehr ich mich über jeden gefreut habe, der zu Beerdigungen meiner Angehörigen gekommen ist. Für mich hat das tatsächlich etwas mit "die letzte Ehre erweisen" zu tun!
Das heute war die fünfte Beerdigung, auf der ich war, und die erste, die mich nicht unmittelbar getroffen hat. Ich dachte also, ich komme ausnahmsweise mal ohne Tränen aus, aber weit gefehlt. Man ist ja sowieso schon betroffen, weil auf Beerdigungen eine bedrückte Atmosphäre herrscht, aber bei mir wars wieder endgültig vorbei, als die ersten Töne der Kirchenmusik erklungen sind.
Wie bei vielen Menschen löst Musik bei mir unheimlich viele Gefühle aus bzw. verstärkt sie immens. Ich musste sofort weinen, teilweise weil ich an die Beerdigungen meiner Großeltern erinnert wurde und teilweise weil die Situation einfach so traurig, melancholisch und auch schön war. Denn der Trauergottesdienst war sehr liebevoll geplant und durchgeführt worden. Der Pastor hat sogar ausdrücklich erwähnt, wie gut meine Oma mit der Verstorbenen befreundet war.
Der für mich schlimmste Moment ist aber immer der Auszug aus der Trauerhalle und das Blumen ins Grab werfen. Meine Oma war total fertig und sie weinen zu sehen war ganz grausam :( Und natürlich auch all die Angehörigen. Hab Oma erst mal feste gedrückt und hinterher haben Mama und ich noch gewartet, bis Omas andere Freundinnen da waren.
Eine der Damen hat total traurig erzählt, dass ihr Mann auch seit gestern im Krankenhaus liegt und es ihm nicht gut geht. Sie hat dann völlig resigniert gemeint "Mittlerweile brauche ich deutlich mehr Trauerkarten als Glückwunschkarten."
Und ganz ehrlich? Für mich ist es schon traurig zu sehen, wie stark die Generation meiner Großeltern hier im Umkreis die letzten Jahre dezimiert hat. Als Maike und ich klein waren, wurden wir nicht nur von meinen Großeltern verhätschelt, auch die gesamte Nachbarschaft/ der gesamte Freundeskreis hat sich um uns gekümmert, Späße mit uns gemacht etc. So viele von diesen alten Leutchen sind mir in wunderbarer Erinnerung geblieben. Alleine die Erinnerung an meinen Opa, der immer auf der anderen Straßenseite mit seinen Kumpels Bierchen getrunken hat, ist in mir so fest verankert, wie die Erinnerung an mein erstes Buch. (Irgendwann hat meine Oma dann immer mich geschickt, um Opa zu holen, weil sie wusste, dass er bei mir nicht nein sagen würde ;)).
Ich kann mir also gar nicht vorstellen, wie sich meine Oma und ihre Freundinnen fühlen. Für mich hat der Tag einmal mehr gezeigt, dass ich dankbar bin für jeden Tag, den meine Großeltern fit waren bzw. meine Oma noch fit ist. Und für die Zeit, die ich mit ihnen verbringen durfte.

Mama und ich sind nach der Beerdigung nicht mehr zum Kaffeetrinken mitgegangen. Ich habe Mama zur Arbeit gefahren und bin mittags mit Tommy zu Frau Imhäuser gefahren. Ihre Tochter wollte uns ein bisschen Trödel mitgeben und Frau Imhäuser war sowieso tödlich beleidigt, dass wir sie so lange nicht besucht haben. Ich glaube tatsächlich dass ihr vor allem Tommy echt fehlt. Aie hat sich dementsprechend über unseren Besuch gefreut und hat es sich natürlich wieder nicht nehmen lassen, uns Geschenke mitzugeben. Jetzt haben wir einen schönen Teppich im Esszimmer liegen und ich hab einen Strauß Tulpen bekommen. Die Gute <3 ist mir immer peinlich, wenn sie uns jedes Mal etwas schenkt. Wir haben aber immerhin hoch und heilig versprochen, sie wieder öfter zu besuchen!

Naja...und dann war heute auch noch der vierte Todestag meiner Oma. Heute vor vier Jahren ist sie für mich völlig überraschend gestorben. Obwohl sie schon im Hospiz lag. Aber sie hat das so gelassen und entspannt hingenommen, als wäre sie in einem Hotel und war geistig fit wie zwei Turnschuhe. Ich habe mich immer so auf die Besuche im Hospiz gefreut, denn so geredet wie dort, haben wir lange nicht. Sie wollte mir unbedingt Bilder von früher zeigen und hat meinem Vater extra aufgetragen, ihr Fotoalben aus ihrer Wohnung mitzubringen. Und sie hat mir feierlich ihre selbstgehäkelte Patchworkdecke vererbt, weil sie wusste, wie ich diese Decke liebe. 
Und ich erinnere mich so gut, wie sie trotz ihrer Krankheit noch zu Späßen aufgelegt war.
Damals kam irgendwann mal ein junger Pfleger in ihr Zimmer und sie meinte schelmisch grinsend "Ach Kati, das ist der Stefan. Der kümmert sich ganz reizend um mich und wenn ich gewusst hätte, was hier für hübsche Kerle arbeiten, dann wär ich schon viel früher gekommen."
Und sie lag im Hospiz! 
Ach....sie fehlt mir jeden Tag....


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