Dienstag, 27. Januar 2015

Tolerantes Deutschland?

Nein heute werde ich nicht wieder über Migranten und Ausländerfeindlichkeit referieren, heute geht es mir mal um ein anderes Thema.
Gestern habe ich im Bus Gesprächsfetzen von zwei jungen Frauen aufgeschnappt. Anscheinend waren die beiden Schülerinnen und es ging um die Berufswahl für die Zukunft.
Wirklich wahrgenommen habe ich nur den Satz "Ich mach halt irgendwas, wo meine Piercings keinen stören." Die Sprecherin hatte ein Lippen- und ein Nasenpiercing.
Dieser Satz weist auf ein Thema hin, über das ich schon viele Male bis zum Erbrechen sowohl mit Freunden als auch mit meiner Familie diskutiert habe, teilweise sogar auf der Arbeit.
Es ist etwas, was mich seit meiner Pubertät beschäftigt und das nach wie vor sehr aktuell ist.

Ich habe selbst Piercings, allerdings alle im Ohr, daher also recht unauffällig. Tattoos habe ich keine, ich hätte aber gerne welche. Und alle, die ich gerne hätte, sind an Stellen, die man zumindest im Sommer immer sehen würde. Und da haben wir die Krux schon: Deswegen habe ich nämlich auch keine. Bei mir auf der Arbeit sind sichtbare Tattoos nämlich nicht gewünscht und es heißt, dass man sich zwar Tattoos stechen lassen kann, diese aber während der Arbeitszeit bitte bedeckt sein sollen. Und das ist am Unterarm z.B. ja recht doof zu bewerkstelligen.
Als Jugendliche habe ich auch immer mit dem Gedanken gespielt, mir Dreadlocks machen zu lassen, mir die Haare grün zu färben und über einen Nasenring denke ich immer noch nach. Warum? Es gefällt mir. Ich mag Dreadlocks (die man entgegen der immer noch weit verbreiteten Meinung sehr gut pflegen kann - klar macht das nicht jeder, aber das ist wieder ein anderes Thema), ich mag bunte Haare, ich mag Tattoos und ich mag Piercings. Für mich ist das ästhetisch. Natürlich nicht alles, aber mir gefällt ja auch nicht jedes Kleidungsstück oder jede Frisur.
Ich persönlich habe das letztendlich nie gemacht. Erst haben es mir meine Eltern nicht erlaubt und dann war ich schon so alt, dass ich immer gedacht habe "Was ist, wenn ich jetzt wegen so was nicht den Job bekomme, den ich gerne haben will?"
Nennt es feige, aber das schwirrte mir eben im Kopf herum und letztendlich hatte ich ja Recht behalten. Ich hätte meinen Job entweder nicht bekommen oder aber ich hätte Piercings rausnehmen und Tattoos bedecken müssen.
Ob andere das schön finden oder sinnvoll sei dahin gestellt. (Noch beliebter ist das leidige Thema, wie furchtbar das doch alles im Alter aussieht). Muss ja gar nicht so sein. Ich mag zum Beispiel keine Tunnel...zumindest nicht, wenn das Ohrloch die Größe einer Faust annimmt. Mir gefällt es optisch nicht und wenn man die Einsätze raus nimmt, sieht das Ohrloch aus wie ein A****loch. Aber das ist doch nicht mein Problem. Es gibt genug Leute, denen das gefällt und das ist doch super.
Die viel wichtigere Frage ist doch: Wieso spielt so etwas in unserer heutigen angeblich so aufgeklärten und toleranten Gesellschaft überhaupt noch eine Rolle? Kann ich auf einmal weniger, wenn ich mir heute Nachmittag ein Tattoo stechen lasse? Schmelzen dadurch Gehirnzellen?
Sollte es nicht viel wichtiger sein, dass man sich regelmäßig wäscht und die Zähne putzt? Dass man höflich ist?
Versteht mich nicht falsch, ich weiß, dass es so ist und akzeptiere es auch. Ist ja nicht so, dass es für mich jetzt eine Qual wäre, auf Piercings o.ä. zu verzichten Ich kann das nur nicht verstehen, dass so etwas heutzutage noch über berufliche Chancen entscheidet.

Es hat sich ja schon einiges getan und mittlerweile ist es in manchen Berufssparten wie z.B. Frisörhandwerk oder die Pflegebranche auch mit Tattoos und Piercings durchaus möglich, einen Job zu bekommen, aber das sind doch eher noch Ausnahmen.
Ich habe in vielen Gesprächen mit Freunden und der Familie sehr oft Sätze gehört wie "Also ich möchte nicht, dass mein Anlageberater stark tätowiert ist." Auf mein "Warum?" kam dann immer nur so was wie "Keine Ahnung, ich fänd' das komisch."
Ah ja.
Zu dem Thema habe ich letztens schon mal bei Facebook einen tollen Blogeintrag geteilt, der zu dem Eintrag hier super passt.
Denn auch dort wird die Frage gestellt, warum dieses "Anders sein als wir selbst" immer noch so oft nicht akzeptiert wird.
Wieso sich über etwas aufregen, das einen selbst nicht beeinträchtigt?

Ich bin sicher, dass sich die Gesellschaft in der Hinsicht noch weiterentwickeln wird, aber ich frage mich, ob ich jemals einen stark gepiercten und tätowierten Angestellten in einer Bank antreffen werde. Am besten noch mit Dreadlocks ;)

Immer wieder muss ich an meine Pläne aus der Schulzeit denken, eine eigene Firma zu gründen (der Geschäftszweig an sich ist jetzt erst mal uninteressant) und ausschließlich Gepiercte und Tätowierte einzustellen. Und zwar nur die Extremformen ;) So als Einstellungskriterium quasi.
Ist jetzt natürlich auch wieder überspitzt, aber ein interessantes Projekt wäre es. ;)

So das wollte ich einfach mal los werden.

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